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Argauer Tagblatt, Lorenz Beiser, 11-3-1990
«Grimsel» von Peter Liechti. Eine Landschaft kann sich nicht wehren,
schon gar nicht gegen einen Stauddamm. Für die Landschaft am Grimsel wehrt
sich deshalb der St.Galler Peter Liechti, und sein Film ist nicht nur schärfste
Agitation, sondern auch hochwertigste Poesie, antiästhetisch verfremdend,
sensibel meditierend, blitzgescheit philosophierend - die Sensation der diesjährigen
Filmtage.
ZOOM, Matthias Rüttimann, Nr.3/90
«Grimsel. Ein Augenschein.» Der Untertitel besagt es: Da ist eine
Mini-Filmequipe aus den Ballungszentren im Unterland aufgebrochen, um sich vor
Ort ein Bild zu machen, einen Augenschein zu nehmen. Vor Ort, das ist eben der
Grimsel, wo die Kraftwerke Oberhasli ein immenser Pumpspeicherwerk planen. Anstoss
zu diesem «Ausflug ins Gebirge» (so hiess Peter Liechti's dritter
Film von 1985) waren dem Bieler Res Balzli, der mittlerweilen zu einem der mutigsten,
nicht etablierten Produzenten avanciert ist und in Solothurn dafür eine Auszeichnung
der etablierten CEFI Werbefilm AG entgegen nehmen durfte, «Zeitungsmeldungen
und Flugblätter», die über das gigantische Ansinnen der Kraftwerkbetreiber
informierten.
Doch für die Argumente der Befürworter von Grimsel-West haben sich weder
Balzli noch Liechti interessiert. «Ausgewogenheit», schreiben sie
im Begleittext zum Film, «überlassen wir gerne <ausgewogeneren>
Geistern.» Überhaupt schien das Stausee-Projekt Grimsel-West letzten
Sommer zu Beginn der Dreharbeiten bereits gestorben, was den Filmemachern kein
Hindernis war, ihr Werk dennoch zu realisieren. Mittlerweilen ist es wieder auferstanden,
gerade rechtzeitig zur Premiere. Nun befürchten die Filmautoren hingegen,
die Haslitaler und der Grimsel-Verein (der organisierte Widerstand gegen das Projekt)
könnten vom Film enttäuscht sein. Denn «Grimsel. Ein Augenschein»
ist nicht nach dem Muster eines Agitationsfilms gewirkt, wie sie Abstimmungskämpfe
zuweilen hervorbringen und erfordern.
«Grimsel», das bleibt eben ein Augenschein. Was dem Auge beim Betrachten
der von Liechti fotografierten Bilder erscheint, kann nicht einfach antithetisch
in wunderbare, einzigartige, unberührte Natur hier und grauenhafte, gewaltsame
Technik dort unterschieden werden. Vielmehr zeigt Liechti eine Landschaft, in
der die Zeichen menschlichen Zu- und Eingriffs omnipräsent sind.
sMehr noch, von diesen Zeichen geht eine unheimliche Faszination aus. Lichtfäden
gleich spannen sich die Starkstromleitungen von Mast zu Mast, Talseiten verbindend.
Die sich berauschend und gewaltig aufschwingende, bestehende Staumauer wird gar
in einer Art Performance eingefangen: Fünf schwarze Autoreifen stürzen
der Mauer entlang in die Tiefe. Ein packendes Schauspiel, wie von Roman Signer
ersonnen, welchem Ostschweizer Künstler der St. Galler Liechti seinen letzten
Film gewidmet hatte («Roman Signer: St.Gallen-Kassel-Graz», 1987).
Diese Irritation zwischen Faszination und Ablehnung taucht auch in den Aussagen
der befragten Personen auf. Selbst Adolf Urweider, der Präsident des Grimsel-Vereins,
ist nicht gefeit davor, wenn er räsonniert: «Als ich mich gegen dieses
gigantische Staudamm-Projekt zu wehren angefangen habe, da habe ich mich gefragt,
ob ich mich auch gegen die Pyramiden gewehrt hätte, wenn ich damals gelebt
hätte. Die gefallen mir nämlich, diese gigantischen Zeichen von menschlicher
Präsenz in der Wüste.» Und selbst wenn sich Klaus Ammann, engagierter
Berner Professor für Botanik, ereifert, man müsse diese Ordnung und
Schönheit der Natur auch einmal erfassen, und bedenkt, «dass wir nicht
einmal mehr wissen, was wir zerstören», so finden sich darin Fanghaken,
welche erst die Montage freilegt. In jedem anderen Dokumentarfilm wären solch
kernige Aussagen eindeutig und unproblematisch. Nicht aber in «Grimsel»,
wo sie suspekt werden: Warum müssen wir «wissen», was kaputtgeht?
Entspringt das Wissen, das die Schönheit ordnen und registrieren will, letztlich
nicht demselben Akt der Vernunft, der den zerstörerischen technischen Eingriff
erst möglich gemacht hat? Oder wie es Urweider ausdrückt: «Man
sagt einfach: Es ist schön. Damit hat man es auf eine Art vermenschlicht
und vereinfacht und mit dem gleichen Geist kann man es nachher zerstören:
Nachher ist es halt einfach ein bissehen weniger schön.»
So viel selbstkritische Offenheit hat bisher selten ein politischer Film an den
Tag gelegt. Gewinnt aber damit das Argument der Kraftwerkplaner an Überzeugung,
beim Grimsel handle es sich um ein bereits verschandeltes Gebiet, daher solle
man lieber dort oben als anderswo ein weiteres Wasserkraftwerk realisieren? Dagegen
begehrt Liechti auf: «Dieses Argument kann heute auf den ganzen Planeten
angewendet werden - und wird auch.» Keinen Moment lassen Liechti und Balzli
im Gespräch offen, auf welcher Seite sie stehen. Nur, so leichterhand die
bösen Macher verurteilen, das können sie nicht. Ihrer Ansicht nach liegen
die zu bekämpfenden Faktoren tiefer. Und dann erzählen sie von ihrem
«grüüsigste» Erlebnis während der Dreharbeiten, vom
Bettag, als das Schweizer Volk den Grimsel befahren hatte, eine stinkende, lärmende
Kolonne, die gekommen war, um die Natur zu geniessen.
Solche Erlebnisse sind in «Grimsel» eingeflossen, augenscheinlich.
In blaustichigen, beschleunigten, verwackelten Einstellungen (in Super-8 gedreht)
erhalten sie Ausdruck. Liechti besitzt wie nur wenige Schweizer Filmkünstler
das Auge für bedeutungsvolle, mehrschichtige Bilder, für die künstlerische
Reduktion, von der die Faszination des Gestalteten ausgeht, und sei das Objekt
auch eine «katzgraue» Betonwüste. So sind wir beim Betrachten
zurückgeworfen auf unser eigenes widersprüchliches Verhältnis zu
Natur und Technik und damit auf unsere eigene Verantwortung gegenüber der
«Verschandelung» unseres Lebensraums. Sowenig sich das Naturgedicht
in «Haslitiitsch» auf der Tonspur mit dem Bild von der Versuchsinstallation
zur Erforschung der Wasserkraft am Anfang des Films zusammenbringen lassen, sowenig
endet der Film in einem propagandahaften Konsens. Propaganda hasse er, gesteht
Liechti und bezeichnet seinen Film als ein Stück «Anti Propaganda».
Vielleicht liegt darin das Geheimnis, dass dieser Augenschein mehr als bloss ein
politischer Dokumentarfilm über das Grimselprojekt geworden ist, nämlich
ein kleines Kunstwerk.
Neue Zürcher Zeitung, 26-1-1990
Ob die Schweizer Filmschaffenden, nach jahrzehntelanger Gleichgültigkeit,
nun endlich die Dringlichkeit ökologischer Fragestellungen erkannt haben?
«Grimsel» von Peter handelt von der Bedenklichkeit, der Natur jene
letzten Reste von Unversehrtheit noch zu beschlagnahmen, wie es das Konzessionsgesuch
für das Pumpspeicherwerk Grimsel-West vorsieht. Ohne politische und ökonomische
Aspekte aus den Augen zu verlieren, interessiert sich der Film für die grundsätzlichen,
eben ökologischen Fragen. Und wie um daran zu erinnem, dass in der Natur
andere Zeitmasse gelten, lässt Peter Liechti die Vorgänge etwas verlangsamt
ablaufen, was dem Film, zusammen mit den Belichtungsverschiebungen bei den Landschaftsaufnahmen,
zusammen auch mit der eindringlich verfremdenden Musik von Martin Schütz,
jene Dimension des Fremd-Entrückten verleiht, das sich gegen voreiliges Begreifen
und Vereinahmen wendet.
Basler Zeitung, 22-1-1990
… Da ist Peter Liechtis stilsicherer «Grimsel». Der Film ist
«ein Augenschein» (so der Untertitel) in einer von megalomaner Bau
und Expansionssucht bedrohten Gegend. Statt sich in Details zu verlieren, was
sehr leicht möglich wäre bei diesem Thema, widmet sich Liechti in nüchternen
Bildern einer Landschaft und ihren Bewohnern. Der Film bleibt immer sachlich und
nimmt die Bergbauern, die er zu Wort kommen lässt, ernst.
Filmklub Neus Kino, Basel 1990
Der Beste Film der diesjährigen Filmtage. Peter Liechti hat Menschen und
Landschaften zum gigantischen Stauseeprojekt befragt, und dabei sein eigenes gebrochenes
Verhältnis zur Bergwelt eingebracht. Ein engagierter Film über die Nutzung
letzter unberührten Landschaften durch die Menschen.
Tages Anzeiger, 18-5-1990
«Grimsel» von Peter Liechti holt die Meinungen betroffener Menschen
zur Erweiterung des Grimselstausees ein. Die Zerstörung weiterer Berglandschaften
zwecks «Stromveredelung» will den Berglern partout nicht einleuchten.
Humorvoll, schroff und würzig wie die Landschaft, aus der sie stammen, geben
sie den Unterländern ihr Fett ab.
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