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Ein «Tonfilm» Christian Pauli, Der Bund, Nr.284/4-12-90
«Kick That Habit» das ist so etwas wie ihr programmatischer Leitspruch
geworden. Weg mit allen Gewohnheiten. Möslang/Guhl sind wahre (und späte)
Vertreter des Avantgarde-Kunst-Konzept. Zu ihren historischen Bezügen zählen
sie denn auch die russische Avantgarde der 20er Jahre (z. B. den Filmer Dziga
Vertov «Der Mann mit der Kamera»), den Futuristen Luigi Russolo, den
(Musik-)Befreier John Cage oder auch bildende Künstler wie Joseph Beuys und
die Fluxusbewegung.
Wer Andy Guhl und Norbert Möslang nur als Musiker benennt, greift zu kurz.
Das hat der St.Galler Filmemacher Peter Liechti «(Grimsel»), ein Künstlerkollege
des Duos, begriffen: Sein Film «Kick That Habit», der an den diesjährigen
Solothurner Filmtagen Premiere hatte, nennt sich im Untertitel «Ein Tonfilm
mit den Musikern Norbert Möslang und Andy Guhl Gast Knut Remond». Liechti
hat die Hierarcchie zwischen zuerst Bild und dann Ton zu durchbrechen versucht.
Und tatsächlich: Zuweilen ist es ganz schön schwierig, die Bilder und
Töne in «Kick That Habit» zu trennen. Und der Schluss ist ganz
einfach genial: Schon gefilmte Sequenzen werden auf eine Wand projiziert, die
mit Sensoren versehen ist, welche das Licht in Ton verwandeln, und dieser kommt
wieder auf die Tonspur des Filmes … Der Film vertont sich gleich selber.
Für Andy Guhl und Norbert Möslang sind Kreisläufe und Rückkoppelungen
wichtige Arbeitsprinzipien.
«Grenzenlos» Patrik Landolt, WoZ, 26-1-1990
(…) St.Galler Avantgarde
Der St.Galler Filmer Peter Liechti legt mit «Kick that Habit» einen
neuen «Heimatfilm» vor, eine aufregende Film und Musikmontage aus
dem Osten der Schweiz. Zwei Ebenen sind ineinander verflochten: Auf der einen
Seite werden die beiden St.Galler Musiker Norbert Möslang und Andy Guhl mit
ihrer musikalischen Arbeit porträtiert. Andererseits schaffen verschiedene
Filmfragmente aus Peter Liechtis Super-8-Filmarchiv eine die Musik vertiefende
Dimension. Peter Liechti sagte in seinem Statement vor der Filmaufführung
in Solothurn, dass die Art und Weise, wie Norbert Möslang und Andy Guhl mit
einfachen musikalischen Mitteln Resultate erzeugen, auch für seine filmische
Arbeit ein Vorbild sei. Die beiden Musiker waren in den siebziger Jahren im Umfeld
der europäischen Freejazz-Szene aktiv und entwickelten Mitte der achtziger
Jahre mit «Wegwerfelektronik» eine radikale Soundund Geräuschmusik.
Dazu knacken, oder besser gesagt, überlisten sie elektronischen Abfall wie
alte Radios, Plattenspieler, Mixer etc. Ihre langjährige musikalische Erfahrung
lässt die beiden Musiker zu grossartigen Ergebnissen kommen, wie zahlreiche
Plattendokumente belegen.
Liechti zeigt Möslang und Guhl in ihrem Atelier bei der Arbeit, zeigt, wie
sie auf dem Müll Abfälle inspizieren, dann Ausschnitte aus einem Live-Konzert.
Zwischendurch geht's hinauf zum Alpstein oder hinab zum Bodensee. Bilder einer
Menschengruppe, die im Schnee stapft, von einer Fahrt auf den Säntis, vom
Inneren des Berghotels, wie die Leute vom Gipfel hinuntergaffen. Dann folgt ein
hyperrealistischer Imbiss, wobei die akustische Überhöhung (mit Klangabnehmern
im Dreiminuten-Ei oder in der Orange) jede Bewegung zum Klangschock macht, den
Schnitt in die Frucht zur Bösartigkeit, den Schlag mit dem Löffeli aufs
Ei zur Brutalität. (…)
«Step Across the Border» und «Kick that Habit» sind aussergewöhnliche
Musikfilme: Beide porträtieren Künstler-Szenen, wo - vergleichbar heute
mit wenigen anderen künstlerischen Sparten - experimentiert und nach neuen
Ausdrucksmitteln gekundschaftet wird, wo aktuelles Zeitgefühl kondensiert,
wo sich umfassendes Lebensgefühl äussert. Und beiden liegt die gleiche
Haltung zugrunde. Eben: Kick that habit oder step across the border!
«Wo Berge sich nutzbringend erheben» Walter Ruggle, Tages Anzeiger,
1990
Mit «Sommerhügel» und «Ausflug ins Gebirge» hat sich
Peter Liechti den Ruf als Ostschweizer Achternbusch geholt. Definitiv bewährt
hat sich sein gewitzter Zugang zum voralpinen Raum im «Ausflug ins Gebirge»,
dessen Titel mittlerweilen leitmotivisch für Liechtis filmisches Werk betrachtet
werden kann. Die Berge mögen seine Sinne belasten - sie befreien definitiv
des Filmers Geist.
Auch «Kick That Habit» und «Grimsel» dokumentieren Ausflüge
ins Gebirge, der eine auf den Spuren von Tönen, der andere auf jenen der
von Unterlands-Technokraten bedrohten Natur. Liechti betrachtet die Arbeit der
Musiker Norbert Möslang und Andy Guhl; sein Schnittmeister Dieter Gränicher
montierte das Bildmaterial zu einer immer wieder verblüffenden Komposition.
So schwingen in «Kick that Habit» plötzlich nicht nur die Drahtseile
im Musikerexperiment, auch die Luftseilbahn auf den Hohen Kasten scheint einzustimmen,
ihr durchhängendes Seil einen Rhythmus aufzunehmen.
Vergleichtbar mit «Step Across the Border», dem heissen Tip für
Rhythmusfreaks, liegt hier ein Musikfilm vor, der die Tonebene und die visuelle
Ebene gleichwertig behandelt, dem Gehör gewissermassen ein Gesicht verleiht.
Züri-Tip, TA, 18-5-90
Peter Liechti's Musikfilm «Kick That Habit» beweist so viel formalen
Eigenwillen, dass die Wände wackeln. Sein Porträt der beiden Abfallelektroniker
Norbert Möslang und Andy Guhl vereinigt aussagestarke Bilder in einer phänomenalen
Schnittfolge.
«Ein wahrer Tonfilm» Helmuth Zipperlen, Solothuner Filmtage, 20-1-1990
«Kick That Habit» ist eine Art Symphonie der Töne und visualisiert
durch Bilder aus der Ostschweiz. Der Schneemenge nach zu schliessen, im letzten
Winter gedreht. Der Regisseur und die beiden Musiker Norbert Möslang und
Andy Guhl versuchen beim Minigolfspiel eine Geräuschfolge. Mit diesem klaren
Einstieg beginnt der Film. Später sieht man die Ausführenden Schutthalden
und Abfallhaufen durchwühlen und sich aus weggeworfenen Gegenständen
eine Geräuschkulisse zusammenzubasteln, welche letztlich in der Abfolge der
Geräusche Musik ergibt. Eine Seilbahn dient als Denkanstoss, an zwei Drahtseilen,
quer über die Bühne gespannt, mit Holstäben Klänge zu erzielen.
Wie diese Art Musik Verfremdungseffekte aufweist, wirken zeitweise die Landschaftsaufnahmen
durch Einfärbungen verfremdet. Verblüffend sind auch die durch feine
Mikrophone eingefangenen Alltagsgeräusche. Da tönt es dann wuchtig von
der Leinwand, wenn ein Ei beklopft wird. Das abschliessende Konzert der beiden
Musiker mit diesen RecyclingInstrumenten wird vom Schlagzeuger Knut Remond begleitet.
Diese Aufnahmen gehören in ihrer Virtuosität zum besten, was je in einem
Musikfilm zu sehen war.
Die Mischung hat für den Filmtechniker Florian Eidenbenz (auch heuer wieder
für verschiedene Filme tätig) hohe Anforderungen gestellt, die er bravourös
gemeistert hat. Der Film entzieht sich weitgehend einer verbalen Beschreibung.
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