PETER LIECHTI (1951-2014)
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DAS SUMMEN DER INSEKTEN – Bericht einer Mumie (2009, Essay, 35mm 16:9, Dolby SR-D, 88')
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DEUTSCH
 

„Mein Tod überall, mein Tod, der träumt.“ (Jean Baudrillard) Da beschließt ein Mann seinen Suizid durch Verhungern, weil diese Welt nicht für ihn gemacht ist. Er führt Tagebuch über sein Sterben, dessen literarische Bearbeitung das Ausgangsmaterial für „Das Summen der Insekten“ bildet. Ist das dokumentarisch? Und spielt das überhaupt eine Rolle? Peter Liechtis Filme entziehen sich ohnehin den griffigen Kategorien. Vielmehr zeichnen sie sich durch Grenzüberschreitungen und künstlerische Radikalität aus, in ihrem Nachdenken über das Leben. Und den Tod. Die Form dieser Auseinandersetzung ist klug gewählt, weil sie die Emotionen auf Abstand hält. Anstatt mit Abwehr auf den Gedanken des Todes zu reagieren, folgen wir dem Sterben dieses Unbekannten irgendwo in der Einsamkeit des Waldes zunächst distanziert, dann mit wachsender Entspannung. „Das Summen der Insekten“ ist eine Meditation über das Leben, zu dem der Tod ebenso gehört wie die Schönheit der Regentropfen, die langsam auf den Plastikplanen des improvisierten Sterbelagers zerfließen, wie die wiederkehrenden Blicke in den Himmel oder das Recht, über sich selbst zu bestimmen. Peter Liechti erweist sich einmal mehr als großer Erzähler, dem es mühelos gelingt, verstreutes, archiviertes, gefundenes und selbst erstelltes Material zu Sequenzen zusammenzufügen, die uns der Erkenntnis und, in diesem Fall, dem Himmel ein Stück näher bringen. Das ist großes Kino.

Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013, Katalog DOK Leipzig 2013

Filmecho Filmwoche (D), Wiesbaden. 23.4. 2010

Das Summen der Insekten

Der jüngste Film des Schweizer Filmemachers Peter Liechti ist eine erschütternde und zugleich bereichernde Zumutung. Er beschreibt minutiös, wie sich ein 40 jähriger Mann einsam zu Tode hungert. Das Summen der Insekten ist auch eine doppelte Gratwanderung: Der experimentelle Filmessay bewegt sich auf der Grenze zwischen Dokument und Fiktion, und er versucht mit einer radikal assoziativen Bild- und Tonmontage die Bewusstseinsströme und Halluzinationen eines Sterbenden sichtbar zu machen. Der Zuschauer bekommt so eine Ahnung davon, wie ein Nahtoderlebnis aussehen könnte.
Ein großes Wagnis, ein cineastisches Juwel!


Liechtis Film beruht auf der Novelle "Bis ich zur Mumie werde" (1990) des japanischen Autors und Theaterregisseurs Shimada Masahiko, der eine wahre Begebenheit in Japan verarbeitete. In tagebuchartiger Form berichtet der Protagonist von seiner schrittweisen Selbsttötung. Zum Abschied von der Welt nimmt der Mann nur einige Plastikplanen, Kerzen, Tabletten, Batterien und ein Radio mit. 62 Tage dauert der schmerzhafte Verfallsprozess, viel länger als die erwarteten 30 Tage. Über das Motiv der Selbsttötung erfahren wir ebenso wenig wie über die Identität des Mannes, den anscheinend niemand vermisst.

Liechti verlegt den Tatort von Japan nach Mitteleuropa. In einem provisorischen Zelt in einem verschneiten Waldstück findet ein Hasenjägcr die mumifizierte Leiche und ein Notizbuch. Der Tote hat dort etwa 100 Tage gelegen, berichtet eine weibliche Stimme aus dem Polizeibericht. Von hier an trägt eine männliche Stimme die Tagebuchaufzeichnungen in der Ich-Form aus dem Off bis zum Exitus vor.

Wie der Sterbenswillige aussieht, wird dem Publikum vorenthalten. Die Kamera zeigt uns nur seine sommerliche Wanderung zu der Waldlichtung mit dem Zelt und danach die unmittelbare Umgebung. Lange, ruhige Einstellungen auf Fauna und Flora und durch die Plastikplanen zum Himmel kombiniert Liechti mit Impressionen von Passanten aus einer Stadt, Erinnerungs-Schnipseln, Symbolbildern wie einem Schnitter und anderen Bildsequenzen, die sich zu einer subjektiven Collage fügen. Begleitet wird dieser Bilderfluss von einer ebenso aufwendigen Tonspur aus Geräuschen, Musik, Gesang und dem titelgebenden Summen der Insekten.

Es entsteht ein faszinierender filmischer Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Trotz der protokollierten Schmerzen wirkt der stoische Bericht keineswegs deprimierend. Der Todeswillige ist sogar zur Selbstironie fähig, etwa wenn er sich immer noch wäscht, weil "die Menschen eine saubere Leiche bevorzugen". Während er der Erlösung entgegensieht, stellen wir uns Fragen nach der eigenen Existenz und ihrem unausweichlichen Ende, wird uns bewusst, wie wertvoll das Leben ist.

Steve McQueens Hungerstreikdrama "Hunger", Sean Perms tragische Aussteigerodyssee "Into the Wild" oder Julian Schnabels Drama "Schmetterling und Taucherglocke" über einen todgeweihten Gelähmten haben Maßstäbe für die filmische Darstellung von Sterben und Tod gesetzt. In der radikalen Reduktion der filmischen Mittel übertrifft Liechtis Filmexperiment sie alle.

Wie grundlegend sein Meisterwerk die Grenzen künstlerischer Kategorien sprengt, zeigt der Fakt, dass es beim Europäischen Filmpreis 2009 den Prix Arte für den besten Dokumentarfilm bekommen hat.


Reinhard Kleber


Sehnsucht nach Leben

Filmessay »Das Summen der Insekten – Bericht einer Mumie« von Peter Liechti

Von Marion Pietrzok


Peter Liechti, Schweizer Filmemacher, Jahrgang 1951, immer schon radikal kühn und eigenwillig essayistisch in seinen Licht-Bildern, ist einer solchen Grenzgänger-Geschichte begegnet: dem minutiösen Bericht eines Selbstmörders, aufgezeichnet in einer Novelle des Japaners Masahiko Shimada. Liechti verlegte den Geschehensort nach Europa, in die Schweiz. Aber letztlich ist der Hintergrund etwas Universelles: die Entfremdung des Menschen in der globalisierten Welt.

Der Filmbeginn schockiert, es ist die Lakonie der Mitteilung, das Sachlich-Nüchterne der weiblichen Nachrichtensprecherstimme, wo es doch um Ungeheuerliches geht: Am Soundsovielten letzten Jahres wurde in einem abgelegenen Waldstrich in einer halbverfallenen Hütte aus Plastikplanen eine Mumie gefunden, auf strohbedeckter Pritsche, warm angezogen, mit einer feinen Schicht aus Staub und Raureif überzogen. Zwischen den Beinen des Toten ein Notizheft. Freundlicherweise, zur Erleichterung der Polizei, hat er damit gewissenhafte Aufzeichnungen zur eigenen Todesursache hinterlassen. Er wurde nicht identifiziert, Name, Beruf unbekannt. Während das Filmbild eine schneebedeckte Waldlichtung zeigt und den Abtransport einer bedeckten Trage, erfährt man: Ein etwa 40-jähriger Mann, durchschnittlich groß, normales Gewicht, gesund, beschließt, auf einen den Körper besonders quälende Weise aus dem Leben zu gehen: Tod durch Verhungern. Minutiös geplant, Motiv unbekannt.

Es war jedoch keine Vertreibung aus dem Paradies: »Anscheinend wurde er von niemandem vermisst, man kann annehmen, dass er sich dessen sehr bewusst war.« Er wurde von der Welt vergessen. Er war enthoben der Pflichten, die sie versäumt hatte, ihm aufzuerlegen. Aber welche Sehnsucht! Welche Lust, die eigene Kraft zu erproben! Eine solche Stärke hatte ihm das Leben nicht abverlangt. Wenn man in der Welt für sich nichts findet, muss man in sich selbst auf die Suche gehen.

Es folgt, mit einer männlichen Stimme aus dem Off, der Bericht, Tag für Tag. 62 lange Tage eines nachdenklichen Forschungsreisenden, der sich mit Plastikplanen, aus der er sich eine sechs Quadratmeter große Bleibe baut, mit Büchern, Radio, Batterien und Kerzen in die Gleichgültigkeit der Natur begibt, ins Hochmoor, eine Stunde zu Fuß von einem Weg entfernt. Seine letzte Mahlzeit, eine billige, hatte er am 6. August. Ein bisschen Wasser trinkt er noch, dann auch mal Regenwasser – daher wohl dauerte sein Sterben doppelt so lange, als er erwartet hatte. Er berichtet vom Hunger, dem Schwindel, der Atemnot, von entsetzlichen Schmerzen, dem letzten Stuhlgang, dem mühseligen Urinieren, dem fürchterlichen Frieren. Aber der Kopf bleibt klar. »Wenn ich aufhöre zu denken, muss ich vor Angst schreien«, protokolliert er nach einem Monat. Er hatte zuvor in Erwägung gezogen, seinen Abgang durch rechtzeitigen Weggang zu beenden. Hatte sich auch die Frage gestellt, was wäre, wenn man ihn finden würde, ihn zu retten. Er blieb bei seinem Wunsch, allein zu sterben. Dabei gelingt ihm immer wieder Selbstironie. Zum Beispiel: Er putzt sich die Zähne, registriert er, rasiert sich, wäscht sich im Regen – »ich bin mir sicher, die Menschen bevorzugen eine saubere Leiche«. Und später: »Meine Haut riecht unangenehm, habe Eau de Cologne aufgesprüht.« Er bedauert, dass das Radio »seinen Geist früher aufgegeben hat als ich«. Und als ihm die wochenlange Qual völlig unerträglich geworden ist, vermag er noch zu notieren, so käme er, immerhin, ins Guiness-Buch der Rekorde. »Ich habe etwas getan, was mir bestimmt niemand nachmachen möchte.«

»Die Welt ist nicht für mich geschaffen«, erklärt er seinen Entsagenswunsch, seine Abkehr von der Konsum-Gesellschaft, »der Bedeutungslosigkeit meines Lebens hoffe ich doch noch etwas Eigenes entgegenhalten zu können.« Am Abend hört er das Summen der Insekten: »Ich bin nicht allein.« Und er bekennt seine »Zuneigung zur Mücke«, die ihn gerade gestochen hat. Während ihm die Unausweichlichkeit des Nicht-Seins vor dem inneren Auge steht, er auf einen freundlichen Fährmann ins Jenseits hofft, an der Überlieferung vom 40-tägigen Fasten der Heiligen zweifelt, weil die Erleuchtung ihm nicht gekommen ist – und im nächtlichen Waldesdunkel hat er Angst –, halluziniert er immer wieder Erinnerungsbilder von dem, was er verlassen hat. Ganz am Ende, das Augenlicht ist fast verloschen, glaubt er, jemand sei gekommen.

Der Film ist keine Schauergeschichte, nichts wirkt unheimlich, noch absurd. Zutiefst berührend reflektiert er über Körper und Geist, Macht und Ohnmacht, Fremdsein und Dazugehören. Nüchtern der Erzählton, adäquat dem des Mannes. Seinen Notizen nach war er ohne Bitterkeit, ohne Trauer, sondern im wahrsten Sinne selbst-bewusst. Dass man ohne Vorbehalt, Ekel, voyeuristisches Interesse über die ganzen 80 Filmminuten hinweg gefesselt bleibt, kein Misstrauen gegenüber diesem Sonderling, dem Besonderen, verspürt, stattdessen tiefen Respekt vor diesem Vermögen an kompromissloser Selbstbestimmung, verdankt sich der meisterhaften assoziativen Arbeit des Regisseurs. In langen und wie mit dem Versiegen des Odems immer länger werdenden Einstellungen, sehen wir, aus der Perspektive des Sterbenden, die atemhauchbeschlagene Plastikfolie, auf der sich wie auf den Skizzenbuchseiten eines Zeichners wechselnde Muster von herabgefallenen Zweiglein und Tannennadeln bilden. Die Einschränkung des Blickfelds auf die Waldlichtung, die auch im Betrachter immer mehr ein Gefühl der Enge, des Eingeschlossenseins aufkommen lässt, auf Ameisen, die eine tote Fliege zerlegen, kleine Spinnen, auch mal einen Specht am Baum, wechselt mit der Weite von Bildern des Himmels, von auf verschiedene Art offenstehenden Fenstern. Negativszenen von Menschengewimmel auf der Straße, Szenen mit Familien im herbstlichen Volkspark tauchen auf, von Flügen der Vögel und Flugzeuge. Vom Sensenmann auf dem Karussell, von Rudern im Wasser des Styx. Sie kommen und entgleiten wie die Gedanken des Mannes. Reine Poesie.

Eine starke physische Erfahrung, andauernd und von einer Präsenz, als sei es ein Parallelfilm: der Ton. Röhrendes Pfeifen, Dröhnen, Rauschen. Das Prasseln des Regens. Ein Klagegesang. Sterbensschön. Wir sehr wünscht man sich da, dem Leidenden zu helfen. Wie sehr versichert man sich da des eigenen Auftrags, mit seiner Lebensspanne achtsamer als bisher zu sein. – »Das Summen der Insekten« wurde 2009 als Bester Europäischer Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Neues Deutschland, Berlin 11.5.2010


Monolog einer Mumie

Von M. Knoben

Regenwasser sammeln, Radio hören, der letzte Stuhlgang, alle Details werden nüchtern notiert: Ein Dokumentarfilm erzählt vom Tod - aus der Perspektive des Verstorbenen.

Unglaublich, dass dieser Film im vergangenen Jahr den Europäischen Filmpreis gewonnen hat. Als Dokumentarfilm! Das Summen der Insekten erzählt davon, wie man stirbt, aus der Perspektive des Gestorbenen, der Selbstmord durch Verhungern begangen hat. Damit bewegt sich der Film fast ausschließlich in Regionen, die sich der diskreten Beobachtung und dem analytischen Nacherzählen, wie sie jahrzehntelang die Gattung geprägt haben, vollkommen entziehen.

Es ist kein friedliches Einschlafen, das hier begleitet wird, sondern ein gewaltsames Sich-Herausreißen aus dem Leben. "Mir tut es überall so weh, als ob das Fleisch von innen her abgeschabt würde", hat der Verhungernde in das Tagebuch geschrieben, in dem er sein Selbstvernichtungsexperiment dokumentiert.

Ohrenbetäubendes Summen

Es bildet die Grundlage von Peter Liechtis Filmessay, ist allerdings selbst eine Fiktion. Der Japaner Shimada Masahiko hatte auf der Basis einer wahren Begebenheit seinen Text "Miira ni nanu made" (Bis ich zur Mumie werde) verfasst, auf den der Film beruht.

Im Unterstand, im Spukhaus

Dass auch der Körper des Lebensmüden sich ans Leben klammert, es mehr als 60 Tage dauern wird, bis er stirbt, macht seinen Selbstmord umso qualvoller. Ein Blitzkrieg findet statt, in den Eingeweiden des Hungernden und in der Natur, wo heftige Gewitter niedergehen. Der Hungernde phantasiert, auch von Frauen, ein geworfenes Messer fliegt in Zeitlupe durch die Luft, Glühbirnen flackern als nervöser elektronischer Overkill. Später verblassen die Farben, wird die Plane des Unterstands, durch die der Film immer wieder blickt, milchig, zunehmend mit Blättern und Nadeln bedeckt. "Das Plastiktreibhaus ist zum Spukhaus geworden", schreibt der Sterbende auf und hat immer häufiger Halluzinationen. Liechti findet assoziative Bilder, die an die Found-Footage-Aufnahmen aus der Frühzeit des Kinos erinnern, als der Film selbst noch Neuland war, man zu fremden Ufern aufbrach, wie nun eine junge Frau im Ruderboot über den Styx setzt.

Der Ausgang der Geschichte ist bekannt, und doch fiebert man mit dem Hungernden mit. Der Sog, den der Film entwickelt, ist der des Rauschs, in dem das Ich sich auflöst. Damit ist Das Summen der Insekten reinstes Kino. "In der Dunkelheit gibt es kein Subjekt", sagt der Sterbende.

Süddeutsche Zeitung vom 12./13.05.2010


»Das Fragen nach der Herkunft (Elternhaus, Region, Heimat) und den Wurzeln all dessen, was den Ich-Erzähler Liechti ausmacht, haben nicht nur das gute Leben, sondern auch das Ende im Blick: den Tod, dem Liechti mit »Das Summen der Insekten« (2008) eine irritierende Meditation widmet. In der »filmischen Inszenierung eines literarischen Texts« verwandelt sich die Leinwand in eine hypnotisch-existenzielle Matrix des Sterbens. Aus dem Off hört man die Notizen eines 40-jährigen Mannes, der sich in ein Hochmoor zurückgezogen hat, um sich zu Tode zu Hunger: ein nüchterner, gleichwohl erschütternder Bericht bar aller Larmoyanz, den Liechti szenisch-bildhaft in einen Strom assoziativer Natur- und Erinnerungsfragmente einbettet. Was für den Sterbenden zur radikalen Begegnung mit sich selbst als Kreatur wird, verwandelt sich als kontemplative Erkundung einer letzten Grenze zur stillen Reflexion über den Willen zum Dasein.«

aus: Tönende Rillen (Josef Lederle) in FILM-DIENST, April 2010 — Ganzer Text...


Die letzte Reise

Hartmut Ernst
Ein Mann legt sich zum Sterben in den Wald. Der Film erzählt das Sterben in 62 Tagen assoziativ nach.
Die Geschichte beruht auf einem wahren Fall: Ein Mann hungert sich zu Tode und führt Tagebuch. Der Japaner Shamada Masahiko kreierte daraus eine Novelle. Seine fiktiven Tagebucheintragungen lieg Alexander Tschemek (»Lourdes«) aus dem Off vor, Regisseur Peter Liechti legt Sounds und Bilder darüber. Ein Monolog. der in Wahnvorstellungen und dem einen oder anderen Klischee endet der aber zuvor über neunzig Minuten einen düsteren Sog entwickelt, in dem der Sterbende seine letzte Reise dokumentiert. Eine Reise, ein Albtraum, eine morbide Grenzerfahrung. Masahikos Text zeichnet glaubwürdig die Tortur eines Sterbenden, Peter Liechti schenkt den Gedankenfragmenten einen audio-visuellen Rahmen.
Choices (Köln) Nr. 5/2010


So funktioniert Sterben

Peter Liechti versucht in seinem Essayfilm "Das Summen der Insekten – Bericht einer Mumie", sich dem Tod mit den Mitteln
des experimentellen Kinos zu nähern.

VON CRISTINA NORD

Ein Mann geht eines Sommers in den Wald. Mit sich führt er ein Radio, Batterien, ein Mittel gegen Magenschmerzen, ein Notizbuch, Kerzen und eine durchsichtige Plastikplane. An einer abgelegenen Stelle, eine Stunde Fußmarsch von einem Fahrradweg entfernt, errichtet er eine provisorische Hütte aus Ästen und Plastik. Der Mann hat einen Wunsch: Er will sterben. Aber er will sich nicht erschießen oder Tabletten nehmen. Er hört auf zu essen. Einen Monat, denkt er, wird es brauchen, bis er tot ist. Was er erlebt, sieht und empfindet, verzeichnet er akribisch im Tagebuch. Gefunden wird er erst im Winter. Seine Leiche ist nicht verwest, sondern mumifiziert, was vermutlich daran liegt, dass er zum Zeitpunkt des Todes vollständig abgemagert war.

Die Geschichte hat sich in den Achtzigerjahren in Japan tatsächlich zugetragen. Der Schriftsteller Shimada Masahiko hat daraus einen dramatischen Monolog gemacht, "Miira ni naru made", der 1990 veröffentlicht wurde. Diesen Text hat der Schweizer Filmemacher Peter Liechti nun für die Leinwand adaptiert, das Resultat, "Das Summen der Insekten - Bericht einer Mumie", lässt sich weder als Dokumentar- noch als Spielfilm bezeichnen, eher als ein Versuch, sich dem Tod, den darzustellen doch so schwierig ist, mit den Mitteln des experimentellen Kinos zu nähern. In einem ersten Schritt geschieht dies durch nüchterne Beobachtung, in einem zweiten durch assoziative Szenen und Halluzinationen des Sterbenden.

Die Nüchternheit gibt der Text vor, aus dem Off wird detailgenau über das Einsammeln von Regenwasser, über Magenkrämpfe, Radioprogramme oder den letzten Stuhlgang berichtet. Abwesend sind Klagen oder Beschreibungen des Unglücks, das den Wunsch, sich zu töten, auslöste. Abwesend in den Bildern ist auch die Gestalt des Protagonisten, zu sehen ist niemals dieser Mann, immer nur das Waldstück, Wollgräser, sumpfige Stellen, die Plane, die Tannennadeln und die Regentropfen auf dem Plastik.

Je länger der Mann hungert, umso mehr Raum nehmen seine inneren Bilder ein, diffuse Erinnerungen, Detailaufnahmen ohne Kontext, manchmal auch verwunschene Arrangements, die den märchenhaften Charakter des Waldes zum Vorschein bringen, schließlich das Schwarzweißbild einer Frau im Gegenlicht, sie rudert, sie wird den Lebensmüden auf die andere Seite des Flusses bringen. Das könnte ein abgenutztes Bild sein, eines, das den Schrecken bannt, indem es sich in der kulturgeschichtlichen Überlieferung gemütlich einrichtet. Aber in Liechtis Film zweifelt man nicht daran, dass das Bild der Fährfrau seine zwingende Berechtigung hat.

Nicht 30 Tage verbringt der Mann im Wald, bevor er stirbt, sondern doppelt so lange, bis in den Oktober hinein. Die Kälte nimmt zu, die körperliche Qual ist groß und wird akribisch protokolliert. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem eine Umkehr unmöglich wird. Der Mann hat nicht mehr die Kraft, sich zu erheben und zu dem Fahrradweg zurückzukehren, in der Hoffnung, dass ihn dort jemand finde. Er hat nicht mal mehr die Kraft, aufzustehen und vor seinem Plastikverschlag zu pinkeln.

"Das Summen der Insekten - Bericht einer Mumie" hat das große Verdienst, all dies vor unseren Augen und Ohren auszubreiten, ohne es je einzuordnen. So hat man in keinem Augenblick den Eindruck, Liechti wolle das Sterben erklären. Ein bisschen mehr davon verstanden hat man trotzdem.  

TAZ, Berlin 5.5.2010


Der Tod als radikale Selbsterfahrung

Lars Penning

Das, was jeder gern verdrängt, steht im Mittelpunkt des Essayfilms "Das Summen der Insekten" des Schweizer Dokumentar- und Experimentalfilmers Peter Liechti: der Tod. Der ist in der industrialisierten Gesellschaft längst aus der persönlichen Erfahrungswelt der Menschen verschwunden: Man stirbt anonymisiert in Hospitälern und Altersheimen unter Aufsicht von Fachpersonal, die Familie erscheint anschließend zur Urnenbeisetzung. Und würde man eine Umfrage starten über den wünschenswertesten Tod, so stünde wohl der plötzliche Herzschlag an erster Stelle: Einfach umfallen und weg sein, das erhoffen sich vermutlich die meisten Leute.

Demgegenüber steht der Tod als radikale persönliche Erfahrung, wie ihn Liechti in seinem Film beschreibt: ein zweiundsechzig Tage währender Selbstmord durch Verhungern. Die Geschichte geht auf eine wahre Begebenheit zurück, die sich in Japan ereignete: Ein Mann zog sich im Sommer in ein Waldstück zum Sterben zurück, als man ihn Monate später fand, war sein Körper mumifiziert. Er hatte ein Tagebuch hinterlassen, in dem er sein Sterben minuziös beschrieb, ohne allerdings einen Grund für seinen Freitod anzugeben.

Der japanische Autor Masahiko Shimada verarbeitete dieses Geschehen 1990 zu seiner Erzählung "Miira ni maru made" (Bis ich zur Mumie werde), die Liechti als Grundlage für einen Film genommen hat, der die aus dem Off vorgetragenen (fiktiven) Tagebuchaufzeichnungen assoziativ, manchmal symbolisch bebildert, dabei dunkle Stimmungen evoziert und die Träume des Sterbenden in einem dahin fließenden Bewusstseinsstrom vorüberziehen lässt. Man sieht hier also niemandem direkt beim Sterben zu, vielmehr erscheinen die Bilder fast körperlos. Sie wecken das Gespür des Zuschauers für eine veränderte, schärfere Wahrnehmung der Natur und des Lebens, wie sie sich auch auf der dem Bild gleichrangigen Tonebene ausdrückt: Die Geräusche von Wind, Regen und Gewitter, das Rascheln der Blätter sowie das titelgebende Summen der Insekten werden auf diese Weise zur intensiven Erfahrung.

Für Liechti ist diese persönliche Wahrnehmungsebene wichtiger als die philosophisch-religiösen Fragen, die das Geschehen natürlich auch aufwirft (das Sich-Selbst-Mumifizieren spielt etwa im Buddhismus eine Rolle): Gibt es ein drüben, fragt sich da der nichtgläubige Protagonist, und Shimadas Text wird sogar ziemlich ironisch, wenn er den Sterbenden von einer Wartehalle des Jenseits träumen lässt, in der Cola und Hotdogs verkauft werden. Hier spürt man auch die Intentionen des gesellschaftskritischen Autors Shimada heraus, der seine Hauptfigur nicht sinnlos sterben lässt: "Ich glaubte, der Bedeutungslosigkeit des Lebens mit meinem Tod doch noch etwas Eigenes entgegensetzen zu können.

TIP (Berlin) 10/2010, p. 44


The Sound of Insects

Von Christina von Ledebur, Sélection CINEMA, www.cinemabuch.ch

Ein Polizeiwagen steht am Waldrand. Aus dem Gestrüpp tragen Beamte die mumifizierte Leiche eines Mannes, der sich während mehrerer Wochen in einer kleinen Plastikhütte zu Tode gehungert hat. So beginnt Peter Liechtis neuestes Werk The Sound of Insects – Record of a Mummy. Was folgt ist eine filmische und musikalische Auseinandersetzung mit dem, was vorher geschah. Ein 40-jähriger Mann beschliesst, sich umzubringen. Mit einer Plastikplane, einem Radio und einem Tagebuch ausgerüstet, verschanzt er sich im Wald und wartet auf den Tod. Doch dieser lässt lange auf sich warten. Statt der erwarteten vier Wochen siecht der Mann während zweier Monate dahin. Die Veränderungen seines Körpers und seines Geistes hält er akribisch genau und bis kurz vor seinem Tod in seinem Tagebuch fest. Nach und nach wird sein Körper so schwach, dass er sich kaum mehr bewegen kann, und sein Geist beginnt zu halluzinieren. In welcher Form wird der Tod ihm erscheinen? Ist er schon lange da und seine Gedanken nur noch ein Nachhallen, ein letztes Aufflammen von Leben vor dem grossen Nichts? Der St. Galler Regisseur Peter Liechti hat sich für The Sound of Insects – Record of a Mummy an einem literarischen Text des Japaners Shamada Masahiko orientiert, der wiederum auf einer wahren Begebenheit basiert, nämlich auf den Aufzeichnungen eines Mannes, der sich zu Tode hungerte.

Zu den Aufzeichnungen, die im Off zu hören sind, hat Liechti einen Reigen von Bildern zusammengestellt, welche die halluzinativen Zustände illustrieren, in die der Schreibende mehr und mehr gerät. Bisweilen sind das ganz konventionelle Bilder wie die des Sensemanns, andere sind meditativer Art oder suggerieren Träume des Sprechers. Diese Assoziationen werden gemischt mit Aufnahmen, in welcher die Kamera auf die Plastikplane gerichtet ist, mit der sich der Sterbende vor Wind und Regen schützt und deren Zustand den langsamen Verlauf der Zeit illustriert. Begleitet wird die Bildersammlung von einer durchgehenden Tonspur aus Musik und Geräuschen. Je näher der Sprecher dem Tod kommt, desto intensiver und subtiler werden die Geräusche. Auf einmal wird sein Alltag vom «Summen der Insekten» – so der deutsche Titel des Filmes – beherrscht.

Liechti bewegt sich mit The Sound of Insects – Record of a Mummy wie bereits in mehreren seiner Arbeiten an der Grenze zwischen Dokumentarfilm und Experimentalfilm. Zwar ist die Geschichte im Dokumentarischen verankert, was Liechti aber daraus macht, ist eine Art Assoziationsfluss in Bildern und Tönen. Es gelingt ihm, damit einen beklemmenden Sog herzustellen, der einen letztendlich – genau wie den Protagonisten – auf den Tod als Erlösung warten lässt.

Für die Musik zeichnet Norbert Möslang, die Bilder stammen von Liechti selbst und vom kürzlich verstorbenen Kameramann Matthias Kälin. Als Sprecher in der englischen Version ist Peter Mettler, kanadischer Regisseur mit Schweizer Wurzeln, zu hören, in der deutschen Alexander Tschernek.

Sound of Insects – Record of a Mummy wurde an zahlreichen Festivals aufgeführt und mit dem Europäischen Dokumentarfilmpreis 2009 ausgezeichnet.


Chronik eines freiwilligen Sterbens

Joachim Kurz, www.kino-zeit.de

Der Film beginnt beinahe wie ein Fernsehkrimi, wie man ihn hundertfach kennt. Im hellen Licht des Winters ist eine mumifizierte Leiche gefunden worden. Wie der Off-Sprecher berichtet, handelt es sich um einen unbekannten Mann um die Vierzig, der von einem Hasenjäger per Zufall entdeckt wurde. Wir sehen aus der Ferne, wie die Leiche abtransportiert wird und erfahren, dass bei dem Leichnam Aufzeichnungen in einer Art Tagebuch gefunden wurden. Hiermit endet der Prolog – und damit auch das Vertraute an diesem Film. Denn was von nun an folgt, ist die Inszenierung eines gewagten filmischen Experiments, wie man es in dieser Radikalität selten bis nie zu sehen bekommt. Oder anders ausgedrückt: Peter Liechtis Film ist ein Meisterwerk voller Schönheit und Grausamkeit, das sich zwischen allen Stühlen und Genres bewegt – ein schlichtweg unerhörter, noch nie gesehener Film, eine Grenzerfahrung von unglaublichem Ausmaß.

In knapper präziser Sprache schildert der Off-Sprecher (offensichtlich liest er aus den Aufzeichnungen der Leiche aus dem Wald vor), wie der Unbekannte einen ungeheuren Entschluss fasst. Er will sich zu Tode hungern. Tag für Tag beschreibt er nun seinen schleichenden Tod, registriert den Verfall seines Körpers mit grausamer Neutralität, schildert seine Empfindungen und den Lauf der Natur in dem selbstgebauten Sterbehospiz im Wald. In stilisierten Bildern liefert die Kamera den dazugehörigen "stream of consciousness", zeigt Details der Natur des Waldes, schwarzweiße Impressionen des Lebens da draußen. Peter Liechtis Film kombiniert Bilder von hoher Symbolkraft, die an die frühen Meister des Kinos wie Carl Theodor Dreyer und an diverse Regisseure des filmischen deutschen Expressionismus erinnern, mit dokumentarisch nüchternen Fragmenten zu einem collagenartigen Bilderteppich, der von einem ebenso diffus gewebten Soundgebilde voller Düsternis kongenial ergänzt wird.

Obwohl der Film die Inszenierung eines literarischen Textes von Shimada Masahiko ist, erhielt Peter Liechti für seinen Film den Europäischen Dokumentarfilmpreis 2009, was zeigt, wie groß die Verunsicherung über dieses filmisches Essay ist, das sich konsequent jeder Zuschreibung und Bezeichnung entziehen mag. Das Summen der Insekten – Bericht einer Mumie ist Wahn, Rausch, Dokumentation eines Sterbens, vielleicht sogar des Sterbens schlechthin, ein gewaltiger und gnadenlos subjektiver, gleichsam körperloser Essay über eine radikale Weltverweigerung, das von der ersten bis zur letzten Minuten fesselt, fasziniert und verstört und sich dem Gehirn des Zuschauers förmlich einbrennt. Die Fragen, die er aufwirft nach dem Sinn des Lebens, nach dem Tod und der eigenen Haltung beidem gegenüber, sie wirken lange nach und lassen einen nicht mehr so schnell los.

Dass dieser Film sämtliche Preise und alle Aufmerksamkeit verdient hat, die ihm bereits teilweise zugesprochen wurden, steht außer Zweifel. Ob er nun allerdings ausgerechnet einen Dokumentarfilmpreis verdient hat, das steht wiederum auf einem ganz anderen Blatt. Wie dem auch sei und wie man ihn auch benennen mag: Er ist und bleibt ein Meisterwerk.


Sterben, um zu erleben

Marcel Elsener, St.Galler Tagblatt, 14. 10, 2009

Der meisterhafte neue Film des nächstjährigen St. Galler Kulturpreisträgers Peter Liechti läuft ab Freitag im St. Galler Kinok. Die filmische Inszenierung eines literarischen Selbstmord-Tagebuchs wurde soeben mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet – und verdient als lebensbejahende Nahtod-Erfahrung das grösstmögliche Publikum.

Oft denken wir uns nicht viel dabei, wenn wir eine dramatische Situation mit der Zuspitzung beschreiben, dass es um Leben oder Tod ginge. Und so genau wollen wir es auch nie wissen, wenn es wirklich darum geht –um jene Schwelle, wo wir das Leben hinter uns lassen und dem Tod ins Auge sehen. Präzis mit dieser Frage jedoch konfrontiert uns der neue Film von Peter Liechti, in dem es mit unerbittlicher Konsequenz «um Leben oder Tod» geht, oder besser: um das Zwiegespräch, das wir in den letzten Zügen des Lebens mit unserem Geist führen – respektive mit den Lebensgeistern, die der tödlich fortgeschrittene Zerfall des Körpers noch zulässt. In diesem Fall kommt der Tod durch frei gewähltes Verhungern – quälend langsam, aber als Erlösung von allem Leid dieser Welt.

Vom Dunkel ins Helle
Oh Schreck, wird man jetzt denken, nur das nicht: eine hochgekünstelte Selbstmord-Schauermär. Doch keine Angst bitte, denn eigentlich ist dieser Film ein wunderbar erquicklicher Trip, lebensbejahende Nahtod-Erfahrung, wenn man so will, wie ein dunkler Traum, der immer heller wird. Und am Ende sogar heiter macht, beschwingt, auch wenn eine leichte Verstörung bleiben mag. So soll dies keine Warnung sein, sondern die dringliche Empfehlung, sich mit allen Sinnen auf diese eineinhalb Kinostunden einzulassen. Wenn Liechtis Film mit dem letzten Satz («Es ist hell») verklungen ist, reiben wir die Augen und wundern uns übers eigene Verhältnis zum Leben und zum Sterben. Nichts weniger. Mehr Erlebnis – buchstäblich – kann man vom Kino nicht verlangen. Oder wann haben Sie zuletzt einen Film gesehen, der Ihr Leben oder wenigstens den Blick darauf verändern könnte? Dabei ist «Das Summen der Insekten – Bericht einer Mumie», weder Spiel- noch Dokumentarfilm, sondern ein traumhaft frei assoziierender Essay von Bildern und Tönen, der am ehesten mit der literarischen Form des erzählten Bewusstseinsstroms oder einem lang fliessenden Stück Musik zu vergleichen ist. Im Grunde passiert nichts – ausser eben, dass die unsichtbare Hauptfigur sich in einem improvisierten Verschlag im Wald zu Tode hungert. Unvorstellbare 62 Tage lang dauert das, gemäss der Textvorlage des japanischen Schriftstellers Mashiko Shimada, der auf einer wahren Begebenheit beruht.

Knochentrockenes Protokoll
Das erzählte Protokoll des Sterbens ist knochentrocken, ungeschminkt, grausam, aber gespickt mit (selbst-)ironischen Anflügen. Der abgemagerte und schmerzgeplagte Mann wäscht sich, weil «die Menschen eine saubere Leiche bevorzugen». Und wie er in seinem jämmerlichen Zustand gestochen wird, fragt er sich: «Wie ausgehungert muss eine Mücke sein, die sich ans Blut einer derart blutleeren Person heranmacht?» «Ich habe den Selbstmord durch Verhungern gewählt, um mich beim Sterben beobachten zu können, doch mit der Zeit wird es langweilig, von früh bis spät nur ans Sterben zu denken», heisst es am 34. Tag. Ablenkung verspricht einzig das Radio, das bald den Geist aufgibt, und ein paar letzte Bücher, wie Becketts «Malone stirbt» und Dantes «Göttliche Komödie». Am 40. Tag glaubt sich der Selbstmörder, obwohl ungläubig, nahe, ja befreundet mit Buddha, Jesus und Moses, die genau so lange fasteten, um das wahre Leben zu finden, Versuchungen zu widerstehen oder Gebote zu empfangen. «An Tagen habe ich diese Heiligen nun eingeholt, nur habe ich nicht die geringste Erleuchtung empfangen.» Und der Fährmann will und will nicht kommen, die Seele nicht fliegen.

Bilder und Töne im Lebensfluss
Den namenlosen Erzähler sehen wir ebenso wenig wie das wenige, das er noch tut – eine Kerze anzünden oder letzte Tropfen urinieren. Dafür sehen wir, die Augen weidend, in einem steten stillen Fluss seine nächste Umgebung – den Wald in all seinen zauberhaften Erscheinungsformen, und die Plastikplane, auf der sich die Nadeln sammeln wie eine letzte Tätowierung. Dazu, auf mehreren Ebenen eingeschoben, verwischte Bilder des vergangenen oder möglichen zukünftigen Lebens – von schlichten Stadtszenen und Landschaften bis hin zu (alb-)traumhaften Sequenzen wie jenen vom Sensenmann, von Messerwürfen oder durchnässten Plüschtieren, aufgehängt an Wäscheklammern. Und spätestens hier muss die Rede sein vom Ton; vom Regen und vom Wind, von Bach und dem Lied vom «süssen Kreuz», und von der Sound-Collage des St. Galler Klangkünstlers Norbert Möslang (der nicht zum ersten Mal kongenial mit Liechti wirkt), die mehr alarmiert und aufkratzt als besänftigt. Und damit wesentlich dazu beiträgt, dass dieser Film voller Spannung ständig auf der Kippe schwebt, zwischen sterbenslangweilig und sterbensschön – um es salopp Schweizerdeutsch zusagen. Das ist grandios zu bestaunen. Peter Liechti hat mit diesem Film alles Kritikerlob, die weltweit 40 Festival-Einladungen und den Preis als bester europäischer Dokumentarfilm verdient. Nun verdient er ein vielköpfiges Publikum, das sich vorurteilsfrei auf diese unerhörte und nie gesehene Zumutung einlässt. Dass er als radikale Verweigerung genau zur richtigen Zeit kommt, in dieser allgemeinen «Ich-Müdigkeit als Folge des Marketing- Kapitalismus» (wie sie der Pop-Poet Peter Liechti beschreibt), versteht sich von selbst. Wie und wo auch immer man sonst seine Existenz ergründet – hingehen! Und erfahren, dass grosse Kunst alle Krücken hinfällig macht. Bis man wieder sieht und hört: das Summen der Insekten.


Verweigerung des Lebens: «The Sound of Insects»

Charles Martig (Reformierte Presse, 18. 9. 2009)

Ein Toter steht als Chiffre für die Anonymität in der spätmodernen Gesellschaft. Obwohl er namenlos bleibt, wird sein Tagebuch des Sterbens in voller Länge vorgelesen. Ein radikales Sprachereignis. Aus nächster Nähe erleben wir die Innenwelt des zu Tode Hungernden, seine Verzweiflung auf dem Weg ohne Rückkehr. Tod durch Verhungern ist ein Schicksal, das viele Menschen in der globalisierten Welt trifft. Der selbstgewählte Tod durch Verhungern ist jedoch ein verstörender Bruch mit der Konvention. Und genau darum geht es in dem filmischen Essay von Peter Liechti, der sich intensiv mit der Verweigerung der Konsum- und Leistungsgesellschaft beschäftigt. «According to a true story» steht im Vorspann des Films. Die Wahrheit der Geschichte liegt weniger in der Unvermeidbarkeit des Todes, als im radikalen Gestus dieses quälend langsamen Scheidens.

Die Handlung beruht auf einem Meisterstück des Erzählens. Die japanische Novelle von Shimada Masahiko knüpft an eine Gattung der Edo Zeit an. Ausgangspunkt ist der Tod einer Person. Die folgende Geschichte versucht zu ergründen, was vorher geschah. Peter Liechti führt die Vorlage in einen filmischen Essay über eine stille Variation von Naturbildern, Insektengeräuschen und Erinnerungsfetzen. Dem Regisseur gelingt damit ein kongeniales Werk, das berückend einfach und ergreifend tiefgründig ist.


Chronik eines erhofften Todes

Radikal und poetisch ist der neue Film des St. Galler Regisseurs Peter Liechti. Die Geschichte handelt vom Tod, die Bilder aber erzählen vom Leben.

Von Fredi Bosshard (WoZ, 24.09.2009)

In einem winterkalten moorigen Wald findet Ende Januar der Jäger S. in einem einfachen Unterstand etwa eine Stunde vom nächsten Weg entfernt eine mumifizierte Leiche. Der Körper muss gegen hundert Tage dort gelegen haben und ist frei von jeglichen Spuren der Verwesung, 36 Kilogramm, 1,76 Meter und zirka vierzig Jahre alt, vermeldet eine emotionslose Stimme, die aus einem Polizeirapport liest. Ein Notizheft mit minuziösen Aufzeichnungen über einen gewollten Tod wurde bei der Mumie gefunden. Jegliche Hinweise auf Herkunft und Identität des Mannes fehlen.

Der japanische Autor Masahiko Shimada hat sich mit «Miira ni naru made» / «Bis ich zur Mumie werde» - einem fiktionalen Text - an eine wahre Begebenheit angenähert. Er berichtet in Tagebuchform von einem Mann, der beschliesst, mit dem Essen aufzuhören, um so den Tod zu finden. In Peter Liechtis auf Masahiko Shimadas Text basierendem Film wird aus dem Off die Chronik einer langwierigen Suche erzählt, die sich quälend langsam über Tage und Wochen hinzieht. Der Alltag wird von einer zunehmenden Schwächung geprägt, ist von Visionen, Zweifeln und Träumen begleitet, die sich in wenigen knappen Worten in den tagebuchartigen Aufzeichnungen des Mannes niederschlagen.

Gesamtschau des Lebens
Schon am zweiten Leidenstag, dem 8. August, erinnert er sich, dass ein Mensch ohne Wasser eine Woche überleben kann und mit Wasser einen Monat. Er richtet sich auf eine längere Dauer ein, hat Bücher, Kerzen, ein Radio, Tabletten gegen Magenschmerzen und wenig Wasser mit dabei. Den auf das Plastikdach fallenden Regen fängt er auf, wohl wissend, dass er damit sein eigenes Warten auf den Tod und das Leiden am Leben verlängert. Die Welt hat für ihn ihren Reiz verloren, und es bleibt nur noch die Suche nach einer anderen. Diese Gedanken und Fantasien können qualvolle Schmerzen verursachen, und gleichzeitig wird die Empfindung von Schmerz die verbleibende Manifestation des Lebens. Erst nach 62 Tagen brechen die Aufzeichnungen des Mannes mit den Worten «Es ist hell» ab.

Für «The Sound of Insects» hat der St Galler Regisseur Peter Liechti die Bilder gefunden, die Masahiko Shimadas Text trotz seiner Todesnähe auf subtile Weise Leben einhauchen. Liechtis Aufnahmen vom Wald erinnern an Gemälde von Robert Zünd, durch die ein sanfter Wind weht. Ein Wind, der sich zum Sturm verdichten kann, aber immer wieder zur Ruhe zurückfindet. Die collageartig gesetzten Sequenzen geben den Puls des Lebens wieder, lassen die Welt der Insekten und Tiere auf diejenige von ebenso emsigen Menschen treffen. Die Zivilisation begegnet der Natur, Mikro- und Makrokosmos verschränken sich, werden so zu einer Gesamtschau des Lebens, in dem der einzelne Tod viel von seinem Schrecken verliert.

Ist Musik essbar?
Der japanische Musiker Otomo Yoshihide hat den Text von Masahiko Shimada bereits 1994 vertont und auf die Konzertbühne gebracht. Fünf Jahre später brachte Otomo Yoshihide mit seiner Band am Festival Unlimited im österreichischen Wels eine Fassung mit deutschem Text zur Aufführung, die auch als CD erhältlich ist. Liechti hat nun die Geschichte aufgenommen und radikal umgesetzt. Mit seinem Film und der geräuschhaften Musik vom ebenfalls aus St. Gallen stammenden Norbert Möslang, einem ausgewiesenen und subtilen Klangerforscher, hat Liechti eine noch dringlichere Interpretation des Textes geschaffen. Er versucht nie, die Geschichte des Todsuchenden abzubilden, und gerade deswegen bleiben seine Bilder haften, verknüpfen sich mit der Musik zu einem Gesamtbild. «The Sound of Insects» führt zu eigenen Geschichten, die am Leben erhalten.

Mit «The Sound of Insects» hat Liechti seine radikalste filmische Form gefunden und gleichzeitig auch die poetischste. Er schafft eine neue Welt voller Assoziationen und der Dahindämmernde fragt: "Ist Musik essbar?", wenn Bach aus dem Radio erklingt und sich der Geist noch einmal über den Körper erhebt.

NZZ, 23.9. 09

«Es passiert ja nichts»

«The Sound of Insects» heisst Peter Liechtis neuer Film. Er geht aus vom Fall eines Mannes der seinem Lehen durch Verhungern ein Ende zu setzen beschlossen hatte und als Mumie aufgefunden wurde.

Warum ein derartiges Thema warum dieser Stoff?
Peter Liechti Das Thema ist zu mir gekommen. Ich bin per Zufall auf diese Erzählung gestossen, die der japanische Autor Masahiko Shimada aus den Aufzeichnungen eines Mannes gemacht hat, der den Tod durch Verhungern gewählt hatte. Sie übt eine absolut unerklärliche Faszination auf mich aus, bis heute. Bei jeder guten Literatur oder Kunst ist ja etwas Magisches mit im Spiel.

Lässt sich diese Faszination noch etwas genauer fassen?
Am meisten fasziniert mich dass es ein Selbstmord ohne Motiv ist In so einem Fall sind wir sehr allein beim Versuch einer Deutung Es ist ja täglich aus den Medien von «völlig unerklärlichen» Mordtaten zu hören Aber im Fall eines Selbstmords sind wir Derartiges nicht gewohnt.

Wie läßt sich das filmisch umsetzen?
Mir ging es darum diese radikale Verweigerung zum Zweck maximaler Einsamkeit zu visualisieren Es konnte hier nicht um eine Literaturverfilmung gehen Ich bezeichne «The Sound of Insects» als eine Textinszenierung.

Ohne sichtbaren Hauptdarsteller.

Für einen Schauspieler wäre so etwas extrem unproduktiv gewesen Und dann sind wir ja gewohnt uns mit einer Hauptfigur zu identifizieren.

Wenn ich richtig verstehe gab es also eine enorme Identifikation mit dem Text um dann jegliche Identifikation zu verhindern?
Bei einer solchen Form gibt es nichts anderes als sich selber einzubringen Ich mute dem Publikum etwas zu Das lässt aber auch eine Beziehung entstehen.

Das grundsätzliche Darstellungsprinzip ist ja schnell klar. Wie war konkret die Umsetzung zu leisten?Es brauchte eine lange Konzeptarbeit. Der Text ist ja sehr suggestiv Kann ich dem überhaupt noch etwas hinzufügen? Enge ich ihn nicht ein? Ich versuche die Situation nachzuvollziehen. Wie ist es völlig allein im Wald zu sein? Wie fühlt sich das Zusammenschrumpfen des Lebens auf diese winzige Hütte an? Solche Fragen. Aber gewiss habe ich nicht an gefangen selber zu hungern. Das hätte überhaupt nichts gebracht.

Gab es konkrete Schwierigkeiten bei der Realisierung?
Es war der schwierigste Film, den ich bis jetzt gemacht habe, aus verschiedenen Gründen. Es brauchte eine maximale Reduktion, um maximale Vielfalt zu erreichen. Es passiert ja nichts. Es gibt keine «Geschichte» im Wald. Das war eine der Herausforderungen. Ich habe mich selten so gelangweilt wie bei diesen Tagen im Wald. Etwas anderes war: Wie stelle ich «Stadt» dar, wie «Anonymität». Dem Kameramann habe ich gesagt, er solle Leere, Belanglosigkeit finden. Und dann: Was machst du, wenn du in so einer Hütte bist? Du schaust nach innen.

Und die Finanzierung? War das keine Schwierigkeit?
Es war überraschenderweise viel weniger schwierig als befürchtet Aussagen wie die von Bundesrat Couchepin in Locarno, wenn er einen «volksnahen Qualitätsfilm» fordert, das paralysiert mich geradezu. Dann mache ich das Gegenteil, etwas, vor dem ich selber Angst habe. Nicht aus Protest, aber als intuitive Reaktion. Ich muss mich einfach wehren. Sonst aber habe ich trotz Vorbehalten viel Ermutigung bei den Förderungsstellen erfahren. Das ist mir zum Teil so vorgekommen, wie wenn sie auf ein derartiges Projekt geradezu gewartet hätten. Chapeau. Diese Art Film bietet dem Zuschauer aber auch die Möglichkeit eines Erlebnisses. Hier wird wohl niemand aus dem Kino kommen und sagen: Ja, war noch ganz schön.

Interview: Christoph Egger

Neue Zürcher Zeitung, 23.09.2009


Lebensspuren, Todeszeichen

«The Sound of Insects» – Peter Liechtis bildmächtiger Versuch über das Sterben

Von Christoph Egger

«Aufzeichnungen einer Mumie»: nachgelassene Blätter eines unbekannten Toten, gefunden von einem Mann auf der Jagd in einer abgeschiedenen Region Hokkaidos neben dem mumifizierten Körper. Es war das Protokoll eines Sich-Zutodehungerns, das den 1961 geborenen japanischen Autor und Theaterregisseur Masahiko Shimada zur Erzählung «Bis ich zur Mumie werde» (1990) anregte, die, über eine österreichische Theaterproduktion, wiederum Peter Liechtis jüngsten Film inspiriert hat. Wie die Japanologin Lisette Gebhardt dazu sagt, gibt es in der japanischen Religionsgeschichte für diese Art des Ablebens die Tradition des «Mumienbuddhas»: Die Selbstmumifizierung wurde als Sieg des Geistes über den Körper betrachtet, über die Bedingungen des Lebens auf dieser Welt.

Der Wald als Wüste
Doch nicht nur, dass sich der namenlose Autor der Aufzeichnungen, den wir hier als Erzähler hören (Alexander Tschernek), aber nie irgendwie zu sehen bekommen, als areligiös bezeichnet. Auch der ganze japanische Kontext erscheint getilgt zugunsten einer unspezifischen Darstellung, da Liechti die Geschichte, wie er sagt, als «universell» empfindet; der Prolog, der in wenigen Einstellungen den Abtransport der zufällig entdeckten Mumie schildert, verrät immerhin, wo die Aufnahmen der «realen Ebene» entstanden: im Alpstein, der Lieblingslandschaft des Filmemachers, die hier in glitzerndem Schneeweiss daliegt, der japanischen Farbe des Todes und der Trauer.

Der Mann, der völlig allein in der Welt gestanden zu haben scheint, der auch nie als vermisst gemeldet wurde, hat sich zum freiwilligen Sterben durch Verhungern entschlossen. Dessen umsichtige Vorbereitung machen seine Schilderungen evident, dessen unendlich lange Dauer hatte er freilich nicht vorausgesehen. An einem 7. August setzt das Tagebuch ein, am 7. Oktober, 62 unvorstellbare Tage später, bricht es ab. So sind denn diese Aufzeichnungen das Protokoll eines qualvollen Prozesses, des körperlichen Leidens ebenso wie der Selbstzweifel. Sie sind der detaillierte Bericht über die täglichen Verrichtungen und, ex negativo, Veranschaulichung der unerhörten Zähigkeit der Lebensfunktionen.

Die Wüste, in der Moses und Jesus vierzig Tage gefastet haben, aus der sie aber zurückgekommen sind, das ist ihm der Wald. Ein Wald, in Matthias Kälins fast greifbar konkreten Aufnahmen (eine seiner letzten Arbeiten vor dem Tod gerade vor einem Jahr) manchmal wie von Dürer in feinsten Verästelungen hingepinselt, mitunter wie von Tarkowski gefilmt, wenn auf die in hellen Farbschattierungen daliegende Lichtung plötzlich starker Regen niederrauscht, wenn erste, letzte Regentropfen auf moorigen Tümpeln ihre Kreisformen entwerfen. Abstrakte Formen, wie um der abstrakt bleibenden Person dieses Erzählers zu entsprechen. Beklemmend die Stille, kaum von einem Vogelgezwitscher unterbrochen, dieses scheinbare Abwarten, gleichgültig. Und dann wieder steht der Wald nachtschwarz da und schweigt im bleich-kalten Trost des Mondlichts.

Bleibt der Wald Kulisse, in der sich höchstens einmal ein Specht an einem Stamm zu schaffen macht, während auf dem Waldboden jenes stumme, ergebene Sterben vor sich geht, das die Überwältigung einer Bremse durch Ameisen charakterisiert, so hält der Film dem Geschehen auch noch Bühne und Bildschirm bereit. Zum Bild-Schirm werden die Plasticbahnen, die den Sterbenden vor den ärgsten Wetterunbilden schützen, auf denen, in bald diffusem, bald klarem Licht, Laub und Tannennadeln ihre wechselnden Muster bilden, während die Insekten, die darüber hinweg laufen, mit ihren Geräuschen dem Erzähler die Gewissheit geben, nicht allein zu sein. Dann wieder prasselt der Regen auf die Blachen und donnert ein Gewitter herab, dass wir uns nur noch wünschen, von der Wut der Elemente verschont zu bleiben.

Die Bühne der Erinnerungen
Bleibt die Bühne. Die Bühne der Erinnerungen, der inneren Bilder, die das verschwimmende Bewusstsein durchzucken, der Visionen vom Sterben als verführerisch-freundliche Einladung und ominös-düstere Beklemmung. Wie Peter Liechti, der grosse Experimentator im gegenwärtigen Schweizer Filmschaffen, dessen Experimente immer auch die eigene Existenz meinen, seine Faszination angesichts dieses Stoffs in monochrome Bilder fasst, die er zu Norbert Möslangs zwischen fragmentiertem Klang und tastendem Geräusch oszillierender Musik in Beziehung setzt, das ist von rarer Schönheit und seltener Dringlichkeit. Enorm die Leistung der Cutterin Tania Stöcklin.

Die halluzinatorische Eisenbahnfahrt durch einen Wald, die Messerwerferin, deren Stahl erst aus der Gegenrichtung aufblitzt, die vom Alltag gefurchten Gesichter hinter Zugfenstern, die Passanten auf anonymen Strassen, die Katze in ihrem Tragkorb, das weisse Ruderblatt, das in die schimmernden Wasser des Styx eintaucht, der Totenkopf des Sensenmanns auf dem Karussell, die Silhouetten der Berggänger vor einem leeren Himmel, das vor einer sonnigen Meerlandschaft wie ein Versprechen im Wind wehende Tuch, die wie Bomber dräuenden Flugzeuge, die sich aus einem körnig-aufgerauten Himmel materialisieren, das leere, weisse Motorboot und dann das im Negativ als weiss erscheinende besetzte, die vor der heranrasenden Brandung langsam winkende Frauengestalt, die verwehenden Formationen des Vogelschwarms, der mächtige Apfelschimmel, die leere, weisse Autobahn, die in einem blauschwarzen Himmel endet: Wenn sich so die Zeichen der Annäherung an ein Totenreich zu mehren beginnen, sind es doch keine Bilder des Zerfalls, sondern solche eines wilden, dunklen Lebens.

Neue Zürcher Zeitung, 24. September 2009


Vom Sterben und Leben

«The Sound of Insects» heisst Peter Liechtis grosser jüngster Film. Er ist das Meisterstück eines Künstlers, der hier die Erfahrungen des experimentellen Films zu einem Stück Kino verdichtet, das von nichts als vom Sterben handelt und dabei das Leben als Folie von beklemmender Schönheit aufleuchten lässt. Nach dem Text eines japanischen Autors, der sich an einer tatsächlichen Begebenheit inspirierte, evoziert der Film das Protokoll eines sich Zutodehungerns, das anstatt der ins Auge gefassten ein, zwei Wochen sich über kaum glaubliche zwei Monate hinzieht. Eine Plasticplane im Wald wird zum suggestiven Bild-Schirm eines von fallenden Tannennadeln und Insekten belebten Geschehens. Halluzinatorisch, von düsterer Grossartigkeit sind die bald in den Zeitraffer verfallenden, bald im groben Korn sich auflösenden oder ins Negativ umschlagenden Bilder, die das verschwimmende Bewusstsein des Sterbenden durchzucken, dem die Welt auf grossartig-unheimliche Weise zum Totenreich der Lebendigen wird.

(Christoph Egger, NZZ 30.4.2009)


Meisterlich umgesetzt

[...] Zwei Filme von Schweizer Regisseuren, die trotz ihrer langen Filmgeschichte alles andere als Stars sind, und die bei aller Kontinuität immer wieder zu überraschen vermögen. Die Rede ist vom Innerschweizer Erich Langjahr und vom Ostschweizer Peter Liechti, die mit «Geburt» und «The Sound of Insects» zwei Filme präsentierten, die gegensätzlicher nicht sein könnten – ein klassischer Dokumentarfilm der eine, ein auf einem literarischen Text beruhender, radikaler Filmessay der andere. Und doch verbindet inhaltlich beide Filme, dass hier mit grosser Einfachheit vom Leben erzählt wird, von seinem Anfang und von seinem Ende. [...]

Der Untertitel von «The Sound of Insects» lautet «Record of a Mummy», denn es geht in dem Film um einen namenlosen Mann, der Suizid durch Verhungern beging, und der diese Erfahrung in einem Text festhielt, den man Monate nach seinem Tod in dem einsamen Waldstück fand, wo er sein schreckliches Vorhaben in die Tat umgesetzt hatte. Es sei das Leben, von hinten her aufgerollt, erklärte Peter Liechti seine Faszination am Premierentag.

Mit einer so minimalistischen wie radikal entpersonalisierten Umsetzung des Textes – es gibt im Film nur die durchgehende Erzählstimme von Peter Mettler, die Ansichten auf ein Waldstück und auf eine verregnete Plastikhülle und dazu einen Assoziations- und Erinnerungsreichtum an Bildern und Tönen aus dem Leben, der schlicht genial ist. Eine Meisterschaft im Umgang mit einem Tabuthema wie man sie so noch nie bei einem einheimischen Regisseur gesehen hat.

(Geri Krebs, Der Bund, 27.4.09)


Peter Liechti (Hans im Glück) gehört beharrlich zu den eigenwilligsten Schweizer Filmemachern. Seine stets sehr persönlich gehaltenen Filme sind zwar verankert im Dokumentarischen, entwickeln aber meist einen musikalischen Gedankenfluss. The Sound of Insects, der gestern am Dokumentarfilmfestival Visions du réel in Nyon seine Uraufführung hatte, gehört zu Liechti bisher perfektesten Filmen. Mit seinem Stab von zuverlässigen, eben so beharrlichen und im Tüfteln verankerten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat er um einen Text des Japaners Shamada Masahiko ein Gesamtkunstwerk errichtet. Im Kern steht das Tagebuch eines Selbstmörders, eines Mannes, der sich in den Wald zurückgezogen hat, um sich dort zu Tode zu hungern.

Der Mann, dessen mumifizierte Leiche in einer aus Plastikplachen geformten kleinen Hütte gefunden wurde, hatte sein Tagebuch im Schoss liegen, in das er Tag für Tag die Veränderungen seines Körpers und seines Geistes notierte. Unerwartet lange dauerte offenbar der Prozess des Verhungerns, über sechzig Tage begleitet der Film den Text mit manchmal hypnotischen, manchmal suggestiven, meist meditativen Bildern und einer durchkomponierten Soundspur aus Geräuschen und Musik.

Liechti hat seinen Film auf fünf Ebenen organisiert. Der Prolog wirkt wie der Beginn eines Fernsehkrimis, ein paar Polizeiautos stehen am Waldrand, eine Bahre wird aufgeladen. Dann gibt es den Blick von innen auf die Plastikplane des improvisierten Sterbehospizes: Opak, belegt und berieselt mit Tannnadeln, Blättchen, Regentropfen. Dazu die Waldbilder, grossartig, tiefenscharf, geheimnisvoll und bewegt-statisch. Zwei weitere Ebenen bestehen aus angedeuteten Gedankenbildern, Visionen, Archetypen, sowie einer Art Erinnerungsstrom aus dem urbanen Lebensraum des Mannes.

Wie Peter Liechti nach der Premiere erklärt hat, war seine grösste Sorge die Frage, ob er dem suggestiven Text überhaupt noch etwas beifügen könne. Kennengelernt hat er ihn notabene über eine musikalische Lesung auf CD, also auch schon eine zusätzliche “Dramatisierung”. Nun könnte man sagen, Liechti hat den umgekehrten Weg gesucht, die Entdramatisierung, und das ist mehr als gelungen.

The Sound of Insects ist kein Dokumentarfilm, sondern ein mit gesuchten, gemachten dokumentarischen Bildern gebautes Gesamtkunstwerk. Aber der Film passt wunderbar zum programmatischen Anspruch dieses Festivals, er ist die filmische Verkörperung einer Vision des Realen. [...] Das ist ein Film wie ein modernes Konzertstück, ein Kunstwerk für ein aufmerksames, williges Publikum.

(Michael Sennhauser 25.4.09)


Die Utopie, von Würmern zu leben

Ökonomische Krisen und existenzielle Grenzerfahrungen: Die Stärken des 38. Filmfestivals von Rotterdam lagen in einem widerborstigen Kino, das sich dem globalen Einerlei entgegenstellt...

Freitod durch Verhungern

In die selbstgewählte Verbannung der Natur tritt (dagegen) der Erzähler aus The Sound of Insects - Record of a Mummy, dem neuen Film von Peter Liechti. Der mit einer Werkschau gewürdigte Schweizer Regisseur stützt sich darin auf einen Text des japanischen Autors Shimada Masahiko: Ein Mann sucht sich einen Platz zum Sterben, inmitten eines Waldes, wo ihn niemand finden kann.

Er möchte sich zu Tode hungern - ein Fanal für ein unbedeutendes Leben, wie er einmal sagt. In assoziativen Bild- und Tonmontagen überlagern sich in The Sound of Insects Naturaufnahmen mit traumartigen Visionen, die durch einen trockenen Off-Kommentar geerdet sind. Liechti gelingt es auf diese Weise, eine Grenzerfahrung greifbar zu machen - paradoxerweise mit Bildern, die voll irdischer Schönheit sind.

(Dominik Kamalzadeh aus Rotterdam, DER STANDARD, Wien, 03.02.2009)
 

 
ENGLISH

“My death is everywhere, my death dreams.” (Jean Baudrillard). A man decides to commit suicide by starving to death because this world was not made for him. He writes a diary about his dying, whose literary adaptation provided the starting point for “The Sound of Insects”. Is this a documentary? And is that relevant in the first place? Peter Liechti’s films are hard to label anyway, characterised as they are by transgressions and artistic radicalism in their reflections on life. And death. The format of this investigation is cleverly chosen, because it keeps emotions at bay. Instead of responding defensively to the idea of death we follow the agony of this unknown man somewhere in the solitude of the forest at first from a distance, then increasingly relaxed. “The Sound of Insects” is a meditation on life, which encompasses death as much as the beauty of the raindrops that slowly run down the plastic sheets of the improvised deathbed, as much as the repeated looks at the sky or the right to self-determination. Peter Liechti proves once again that he is a great storyteller, who effortlessly combines scattered, archived, found and own material into sequences that bring us a bit closer to understanding and, in this case, the sky. That is great cinema.

Matthias Heeder, Catalogue DOK Leipzig 2013


[Announcements]
The Rubin Museum of Art hosts the American premier of The Sound of Insects, followed by a discussion and Q&A with renowned poet, Paul Muldoon. Profound, disturbing, and revelatory, Peter Liechti's film is a stunning adaptation of a fictional text, which itself is based upon a true event. It tells the story of how the mummified corpse of a 40-year-old man was discovered by a hunter in one of the most remote parts of the country. The dead man's detailed notes reveal that he committed suicide through self-imposed starvation the summer before. (Rubin Museum of Art, Screenings...)


U.S. Premier of The Sound of Insects at Rubin Museum

Posted by myfilmblog.com, 15, December 2010

Winner of the European Film Academy Documentary 2009 award "for its skillful exploration of minimalistic means to create an extraordinary visual story between life and death."

A profound inquiry into the art of representation, Peter Liechti's The Sound of Insects probes the ever-elusive and mystifying line between life and death. The film also blurs the line between documentary and fiction. A hunter in a remote corner of the Austrian wilderness, makes the horrifying discovery of a desiccated human corpse in a makeshift tent deep in the forest. Who was this person? Why did he die? The dead body releases its secrets in a day-by-day account fusing fiction and reality in an unsettling, highly sensory narrative.
Based on the Japanese novel by Shimada Masahiko, which in turn is based on fact.

Craig Blinderman, M.D., chief of the Adult Palliative Medicine Department of Anesthesiology at Columbia University joins poet Paul Muldoon after the screening.


The Sound of Insects: Record of a Mummy

By Matt Barry, Kino Lorber Blog

A haunting meditation on the process of dying, Peter Liechti’s The Sound of Insects: Record of a Mummy details the breaking down of the mind and body of a man committing “suicide by starvation”.

Based on a novel by Masahiko Shimada, itself based on a true story, Liechti’s film sets out to explore the motivation behind the decision to end one’s life through starvation, which – as the film’s narration tells us in the beginning – “must have called for enormous resolve and perseverance”. The character at the center of this question is discovered dead in the woods with only a diary that has recorded the stages of his deterioration.

The main character remains an enigma throughout the film. No indication of any information to identify him is provided when his corpse is found in the woods, and for the viewer, he exists solely through his inner thoughts provided through voice-over narration. This narration is read from the man’s journal, providing a harrowing account of his impending death. He alternately experiences excitement, anxiety, hesitation and impatience with his situation. As his body breaks down, his mind remains active, and the process of starvation takes on a spiritual dimension as he ponders how much longer he can survive. His starvation pushes his body to the excruciating limits of what it can stand. The very thought of food makes him sick, yet he dreams of food while sleeping. Accompanied by a radio as his only link to the outside world, he begins to feel increasingly out of touch with the environment around him. Eventually, dying turns into a long-drawn process, going on longer than anticipated. As the narration says at one point, “It’s boring just to think about death all day long”.

The voice over narration provides the dramatic thrust of the film, anchored in the subtle but provocative cinematography of Matthias Kälin and Peter Liechti. Combining natural landscapes with highly stylized sequences suggesting dreams or hallucinations, the film’s images compliment the thoughts of the character, conveyed through the effectively flat, understated delivery of narrator Peter Mettler. In many ways, the beauty of the imagery offsets the tone of the narration. The main character, though never really seen, remains ever-present through his words. The device of leaving the viewer alone with just the character and his thoughts is an effective means of bringing him closer to the audience.

The Sound of Insects is a contemplative film on a harrowing subject. The excerpts from the diary convey the physical and mental pain involved in the process of dying, protracted and prolonged through forced starvation. More than that, it attempts to reveal the possible motivation for someone putting himself through such a process, and ultimately forces the viewer to confront the difficulty of seeing that decision through to its end.


The Sound of Insects

BY DIEGO COSTA

*** stars

A mummified body is found inside a plastic hut, victim of a meticulously planned suicide by starvation. There's a diary by its side detailing a man's 60-plus days of slow, calculated death. Inspired by a true event and based on a Shimada Masahiko novella, The Sound of Insects defies genre definition by juxtaposing the narration of the supposed "suicide artist" with evocative imagery of the supposed woods where his deathly performance might have occurred.

While the film's imagery and sound form a coherent set of experimental sequences akin to a piece of found-footage melancholia such as Valse Triste, its voiceover is like a long death diary, poetic ("So perhaps music is edible?") and matter of fact at the same time ("I had a bowel movement in the evening"). Surprisingly not macabre, this fictionalized record of self-aggrandizement through self-destruction reminds one of Derek Jarman's Blue in its epistolary delivery and its displacement of meaning to that which is never really shown. One can also think of writer Yukio Mishima's seppuku, performance artist Fred Herko's jeté out the window (Andy Warhol was bummed for not having caught the moment of the plunge in a photograph), and the HIV-chasing politics of Guillaume Dustan, who also turned the courting of death into literature through barebacking. But the anonymous suicidal performer mummy in The Sound of Insects is less interested in the grand finale, more focused on his very shriveling. Still it is death as spectacle, even if a quietly murmured one, that links all of these performers. The namelessness and facelessness of the film's martyr (of an unknown cause) do very little to veil the pleas for existential recognition stitching together this whole business of dying for an audience—whether it is live or guaranteed in the future through ink on paper. He says he is trying to "Elaborately experience every nuance of suffering" instead of simply jumping off a cliff and dying immediately.

Economical and violent like a psychoanalyst's words in a good session, The Sound of Insects matches its subject's aural accounts of daily activities (listening to Bach, reading Beckett, jerking off) with scenes of tree branches being pounded by the rain, silhouetted crowds walking at airport terminals, spotted horses trotting about, heavily lipsticked women staring into oblivion and a beautiful, a freaky shot of dripping stuffed animals hanging to dry on a clothesline. "Even without eating a thing, you can still fall in love," he says.

Slant Magazine / Film Revue / DECEMBER 21, 2010


By Ron Wilkinson Dec 23, 2010 www.monstersandcritics.com

The dead come back to life, sort of.

Writer/director/cinematographer Peter Liechti springs something on the viewing audience unlike anything that has been sprung before. The film is more or less the reading of a journal made by deceased man.

The journal describes the last days of the man’s life, during which he intentionally starved himself to death in a thrown together plastic tent in the forest. This film was screened as part of the Rubin Museum’s series of talks, films and programs entitled “Talk About Nothing” that were conducted with the museum’s exhibition “Grain of Emptiness: Buddhism-Inspired Contemporary Art.”

Well, there you have it. Adverse criticisms of the film react negatively to the fact that the film is pretty much nothing. One viewer describes it as nothing but watching a tarp rot. That is a superficial evaluation.

If you want “Harry Potter,” go see “Harry Potter.” If you want to see something that is capable of opening up the multitude of sensory channels that you have and do not use, see this film. If you do not understand it now, to paraphrase Peggy Guggenheim, try again in twenty years.

The movie is a death poem set to sounds and images. It is a series of abstract photographic images shown in the context of the mental thoughts and physical feelings of a man who is engineering his own exit out of this world and into the next. The absence of sound and action becomes more pronounced as the film progresses.

In the beginning the narrative is a pensive and considered discussion of the place of life and death in our scheme of things. The closer the man gets to death, the simpler and more straightforward is his prose.

In the end, he has no time to waste on small talk. He can barely move to eat or drink, even if there were something to eat or drink. His world is collapsing in on him; he is already half way to somewhere else. He is describing the first part of his journey, a journey none of us can take until we match his commitment.

Set in a remote corner of the Austrian wilderness, much of the photography is of the sky and the trees. Planes and birds fly in and out of screens; their existence contrasted to that of the man in the translucent plastic tarp tent.

There is frequently rain and the surroundings are lush and green; a Garden of Eden, the womb of man. The only people in the film are shapeless forms without distinct movements, purposes or words. They are completely irrelevant, just as they would be if we were lucky enough to be able to see into this world from the next.

The film is winner of the European Film Academy award for Best Documentary “for its skillful exploration of minimalistic means to create an extraordinary visual story between life and death.” Its listing as a documentary has been questioned as there seems to be little proof of the events.

The movie is based on the novel of the same name by Masahiko Shimada, which is described as a true story. The question is how much is completely true and if such a journal ever existed, or if a man was found starved to death, a process that takes weeks, without any signs of struggle, within easy walking distance of sustenance.

However, in the final analysis, it does not make any difference whether the story is true or not. If it is a purely fictional narrative on one person’s view of life or death that would be good enough; quite an accomplishment, actually. A man diminishes himself to nothing and describes his relationship to the world as he is doing it.

Although some will compare the film to Andy Warhol’s cinematographic essay of his friend sleeping, it is more like the recent film festival feature “Robinson in Ruins.” “Robinson” is also a spoken essay (narrated by Vanessa Redgrave) delivered in the context of photographic images.

The images occasionally relate to the narration but that tenuous association ebbs and flows as the overall picture is painted. The story is one of man’s place in civilization, plumbing concepts of control and security.

Liechti’s film exhibits a man who has complete control but, in exercising it, gives up life.


 

The Sound of Insects: Record of a Mummy (2009 Vancouver International Film Festival)

In a tranquil forest, a macabre discovery is made: the emaciated remains of man who has starved himself to death. A passage from the deceased’s journal suggests, “Fasting is a highly individual mode of death where you confront yourself and struggle with yourself over a long period.” Peter Liechti’s film then backtracks, guiding us through the final sixty-two days of this unidentified man’s life. While narrated journal entries (inspired by Shimada Masahiko’s novel Until I Am a Mummy) lend the film a semblance of structure, Liechti’s stylistic flourishes render the proceedings abstract and impressionistic.

Liechti keeps the man’s physical degeneration (as narrated by Canadian filmmaker Peter Mettler) constantly concealed. Instead, the director depicts his subject’s inner journey as he relinquishes ties to the living world and embraces the afterlife. Employing a rich sound design (the forest’s natural emanations mingle with music and harsh squalls) and evocative visuals (both beauteous and frightful), the enthralling film makes for a sensual and immersive experience. As the subject drifts nearer to his end, he wonders if he will be granted enlightenment. In actual fact, it’s viewers who uncover something profound courtesy of the man’s travails. Just as his suicide proves a “highly individual” experience, so too does the viewing of Liechti’s haunting film.

SUMMARY: The Sound of Insects: Record of a Mummy - profound courtesy of the man’s travails. Just as his suicide proves a “highly individual” experience, so too does the viewing of Liechti’s haunting film.


Millenium Award to «The Sound of Insects»

And we have been challenged with the genre of documentary to see something new and fresh. To see the amazing power of simplicity is seducing. A movie built as a symphony of sound and visions to reflection, with an innovative usage of literature in documentary transformed to the audience for a totally new experience. The topic of the movie – committing suicide – is shown from the perspective of salvation and human dignity. The director proofed a very deep consciousness of film language. Nobody who will watch it will be indifferent.
(From The Jury Statement, 6. Planete Doc Review Film Festival, Warsaw)

6 Days of Gambling Shine at 16th Hot Docs

Experimental filmmaker Peter Liechti crafts a poetic exploration of life, full of evocative, haunting images, serves as the visual counterpoint to the meticulous diary entries of a man who intentionally starved himself to death over the course of months, before his mummified remains were discovered.
Basil Tsiokos (May 8, 2009, www.indiewire.com)
 

iffr: the sound of insects

Peter Liechti's 'The Sound of Insects - Record of a Mummy', which had its world premiere at the Rotterdam Film Festival on Saturday, might well be the longest death scene in film history. Reminiscent of both 'Into the Wild' and Chris Marker's cinematic essays, it is a deeply unsettling meditation on death and, by implication, the dehumanization of modern life.

Based on the novella 'Until I Am a Mummy' ('Miira ni narumade') by Japanese author Shimada Masahiko, which in turn was based on actual events, the film tells the macabre story of a nameless man who starves himself to death in a hut in the woods. Months later, his mummified corpse is found by accident, along with a diary of his incredible 62-day deathbed.

Liechti, who was "both fascinated and irritated immensely" by the text, presents the diary in a voice-over, accompanied by a stream of subjective, associative images. We see through the man's eyes, alone in the wilderness with his thoughts, and we are forced to experience the entire, drawn-out process of his suicide with him.

At first, he passes the time reading Beckett's 'Malone Dies' and listening to Bach's 'Mattheus Passion' on the radio. While he documents his bodily deterioration, we see images of his surroundings - the forest, the sky - and detached, gloomy images from a city - silhouettes on sidewalks, faces behind a tram window.

The man has no history, no context or motive, except his own resolve. He has no ties to this world, and the only he thing he might be remembered for is his extraordinary way of dying. As Liechti interprets this:

Ultimately, the nameless man's manner of dying [...] constitutes the most radical form of renouncement: a total retreat from the hustle and bustle in an achievement-oriented society, the unmitigated refusal to consume, to partake in the haste of this life.

Growing weaker, the man muses on his self-imposed limbo. After 40 days, he notes the fact that he has now fasted longer than Moses, Jesus and the Buddha. But unlike them, as an unbeliever he hasn't had any revelation, nothing to bring back to the world of the living. And besides, he is too weak now to leave his tent.

From here on, his visions become more lyrical: images of water start to dominate, reflecting the man's preoccupation with his crossing of the river Styx to the afterworld. The diary becomes more fragmentary and hallucinatory, until the last entry, on day 62, states:

There is light.

(bernard vehmeyer, freelance writer/director for interactive & audiovisual media. 26-01-09, 00:30 )
 


The shrinking body


The sound of insects is Filmmaker in Focus : Peter Liechti's penetrating reconstruction of a man starving himself to death. Where other artist-filmmakers recently showed us deteriorating bodies, Liechti keeps the body resolutely off screen.

A woman's hair flailing in the wind, swaying flowers and physical suffering - the powerful The sound of insects - record of a mummy, about a man who starves himself to death in the depths of a forest, is reminiscent of Julian Schnabel's recent The diving bell and the butterfly. The two films have another thing in common in that they were both made by artist-turned-filmmakers. Like last year's Hunger by fellow artist Steven McQueen, The sound of insects makes the viewer understand that the body is an independent mechanism capable of resisting its owner's death wish.

Where The diving bell and the butterfly shows us the world through the eye of a paralyzed man, and Hunger brings us up close to the hunger striker's emaciated figure, The sound of insects never shows us the withering body. Through narrated passages from the subject's diary we hear what transpired in those woods, where he was found after nobody missed him for a full 100 days. On August 7th he ate his last meal at a fast food place, perceptively bought himself some stomach medicine and a bottle of Cologne, and found a comfortable place in the wetlands to build a hut where he then stopped eating. He expected to last no longer than forty days, but in the end it took him 62 days to give up the ghost. He recorded the process of his own deterioration with frightening precision, level-headed and devoid of sentiment. At first he silences his hunger with music, until the mere thought of food gives him violent stomach cramps. Then the moment arrives where he has to open his bottle of Cologne and the end begins to draw near.

Invisible man?Liechti accompanies the diary passages with calm images of nature, occasionally switching to impressions of the city, which gradually fade, making watching and listening to The sound of insects a hypnotic experience. As a rule, voice-over narration is a sign of bad storytelling, but the director made the wise choice to quote from Japanese author Masahiko Shimada's 'Miira no naru made' ('Until I Become a Mummy'), which was in turn based on an existing diary. The film drags us down into the narrowing world of this invisible man, whose pain soon turns into hellish torment. The subject never dramatizes his experiences, content to simply describe the shrinking of his body. In a way, you're hoping he will die soon, if only to end his suffering. At the same time you want to continue listening in hopes of finding out why he's doing this to himself.?What we learn is that he felt no connection to the world around him and that dying in such an intense fashion finally allows him to approach life. In this sense he resembles Christopher McCandless from Sean Penn's Into the wild. The sound of insects is like a drawn-out version of that film's finale, in which McCandless is dying of food poisoning, alone in his derelict bus. Except that here we have to imagine that process for ourselves instead of observing it. Liechti, Penn, Schnabel and McQueen each choose their own way of making physical suffering felt - one without words, the other without images, but none of them without empathy.

(Mariska Graveland, Contributing editor of de Filmkrant, February 2009, nr 307)
 


The Sound of Insects - Record of a Mummy 2009


When in an inhospitable forest a hunter comes across the mummified body of a man, at first it's not clear what happened. Until it becomes apparent that he recorded the process of his death with an almost macabre precision.

This intriguing latest film by Peter Liechti ignores all kinds of feature-film conventions. The story was inspired by the novella Miira ni narumade by the Japanese writer Shimada Masahiko, who was in turn inspired by a incredible true story. A hunter discovered the mummified corpse of a man aged forty in one of the most remote areas of the country. From his detailed diary notes, it became clear that he had committed suicide by starving himself.

In the film we see precise observations of the surrounding nature - insects, branches, trees, woods - and a series of images of a different order. Are they images of memories, of delusions, of an associative nature? The voice-over text is about self-observations involved with the decay of the human body and the approaching inevitable end. In the film, Liechti is probably interested in making the transitory nature of the ego tangible: all kinds of subtle manipulations take place in image and sound that forge the film into a unity, in which the camera seems to represent the subjective gaze. But despite all these words, this is primarily a film to experience in a sensual rather than an intellectual way. And a film that ideally illustrates the definition of Manoel De Oliveira: Images, words, sounds, music: the four mainstays of the temple that is cinema.

(E.H., International Film Festival Rotterdam)
 


The Sounds of Insects

Peter Liechti might be called a filmmaker of sound. All of his works are infused by a extraordinary musical sensibility, no matter the films are focused specifically on music. IFFR pays tribute this year to this Swiss director with an extensive retrospective of his films. Liechti, who run for a Tiger Award in 1997 with his celebrated fiction movie "Martha's Garden", is also presenting his last work, "The Sound of Insects. Records of a Mummy" . World premiering in Rotterdam, the film adapts Shimada Masahiko's well known novel, "Miira Ni Narumade", about a man who commits suicide by starving himself to death.

Liecthi first approach to the novel was through the listening the musical adaptation Otomo Yoshihide did years ago. When writing the script for the film, he erased some specific passages in order to arrive an international audience: neither Yukio Mishima nor Harakiri Japanese suicide ritual original references appear in it. In his correspondence with Mishima, Japanese writer and Nobel prize, Yasunari Kawabata, complained about the lost of meaning when Japanese literature is translated into an occidental language. On the other hand, Liechti has been able to express all the deepness within the Shimada Masahiko's work. "The Sound of Insects" is an emotional trip towards death and, paradoxically, a celebration of life.

The film flows between three main elements: words, images and sounds interweave together in a kind of video-diary experience. The narrator never explains the reason for his suicide, he only tells the audience how little by little his body is dying, depicting all levels of physical suffering, while on the screen beautiful images evoke his last days. Last, but not least, the sound -the noises of wilderness, the waver of a river, the rainwater falling, the insects chirping- and the music, made by musician Norbert Möslang, complete this intense portrait of self destruction. At the end, "The Sound of Insects" might be a challenging proposal, but it is an extremely sensitive and sensual approach to one of the biggest taboos of human kind.

(By Paula A. Ruiz / Trainee Project / TrackBack) 28 January 2009
© 2008 International Film Festival Rotterdam
 

 
FRANÇAIS

 

« Sans la musique, la vie serait une erreur »*
Collages et ruptures pour Peter Liechti

Par Nicole Brenez (catalogue Festival La Rochelle 2010)

Filmer depuis la musique « Tout ce qui comporte un rythme, la vie entière des individus, la politique des peuples, les rapports d’intérêt, les conflits de classes, l’opposition du peuple et  du nonpeuple – involontairement l’homme nourri de musique le mesurera et le jugera selon le critère de la musique. » Friedrich Nietzsche, Fragment posthume (1874-1876).

Dans une master-class délivrée en janvier 2010 au Scottish Film Institute, Peter Liechti déclare qu’il aurait voulu être musicien. On décèle dans ses films la puissance  structurante d’un tel désir. Souvent, la musique constitue le motif explicite des films: Kick That Habit (1989) est un essai  sur les sources bruitistes de la musique de deux musiciens originaires de Saint-Gall, Norbert Möslang et Andy Guhl, réunis dans le groupe Voice Crack. Namibia Crossings (2004) suit le voyage d’un orchestre fondé par Bernhard Göttert, la « Hambana Sound Company », qui traverse la Namibie pour rencontrer d’autres  musiciens de toutes nationalités afin de jouer avec eux. Hardcore Chambermusic (2006) documente le «marathon musical » du trio Koch-Schütz-Studer, qui improvise un set de 40minutes, 30 soirs de suite. Mais plus secrètement, sans qu’elle y fasse  sujet ni motif, la musique détermine parfois l’existence des films. Ainsi, Le Chant des insectes (2009) s’annonce comme l’adaptation d’un roman de Shimada  Masahiko, mais c’est parce que Peter Liechti l’avait entendu plusieurs fois en tant que pièce radiophonique, et qu’il en a déduit l’occasion d’inventer une riche texture sonore associant sons de la nature et bruits urbains.

Le monde bruissant
Exercice de haute écoute, la musique telle que la conçoivent Peter Liechti et ses camarades musiciens, lointains héritiers de Luigi Russolo, se perçoit selon le corps entier et se  manifeste dans n’importe quel phénomène. Loin de la musique des sphères, les films de Peter Liechti saisissent l’expérience musicale à partir des phénomènes les plus humbles:  insectes, fontaines, bruits ordinaires d’un repas, sons étranges dans une décharge, présence muette des rebuts, absence même d’un son due à l’éloignement d’un avion de ligne très  haut dans le ciel… L’attention déclenche le monde au titre d’une alerte générale, chaque phénomène y devient susceptible d’éveil sensible, et ainsi, de création. Une telle appréhension rend toute chose potentiellement érectile. Erogénisation totale et fétichisations multiples par l’écoute.

« Si nous n’écoutons pas la musique de Bach en parfaits et subtils connaisseurs du contrepoint et de toutes les variétés du style fugué, et devons par conséquent nous passer de la jouissance proprement artistique, nous aurons, à l’audition de sa musique, l’impression (pour le dire à la sublime manière de Goethe) d’être présents au moment même où Dieu créa le  monde. » Friedrich Nietzsche, Humain trop humain (Un livre pour les esprits libres, partie Le Voyageur et son ombre, 1880).

Le protagoniste japonais de Shimada Masahiko attira Peter Liechti, raconte ce dernier, parce qu’il est obsédé par Bach. Le Chant des insectes raconte son suicide volontaire par inanition, méditant au coeur de la forêt, sous une bâche en plastique, sorte de monumentalisation des déchets décrits à la fin de Kick That Habit. Alors, un Bach pour temps de désastre, pour une fin du monde? Non, car Liechti élabore ce personnage thanatophile de sorte à figurer le principe de consomption qui oeuvre dans la vie. On verra donc comment la vie lumineuse et mouvante règne, ultimement.

Le monde brisé
Ici la musique ne relève pas de l’harmonie, à aucun titre. Elle ne décèle pas des formes rassurantes de régularité dans les phénomènes, elle ne garantit pas l’accord de l’homme avec l’extériorité, elle ne se déploie pas selon des récurrences organisées. Bien au contraire, le travail du musical s’attache aux ruptures, aux fêlures, aux irruptions, aux déviations. En cela, le travail de Peter Liechti s’inscrit dans la grande tradition des arts de la désintégration, que Theodor Adorno faisait remonter aux derniers quatuors de Beethoven. « La désintégration  est la vérité de l’art intégral. »(T.W. Adorno, Théorie esthétique, 1970). Le Chant des insectes transforme l’histoire formelle de la modernité en un protagoniste, qui raconte ce qu’un  protocole d’autodestruction libère de sensations, de visions, de propositions. Ce faisant, le personnage japonais, que l’on ne voit jamais, englobe les expériences artistiques conduites par Peter Liechti et son ami le  plasticien Roman Signer, auquel il a consacré de nombreux films: Vertical/ Horizontal (1985), Dégel (1987), Trois éditions d’art (1987), Théâtre de l’espérance (1987), En route avec Roman Signer (1996)… À ces essais documentaires, il faut ajouter la fiction Marthas Garten (1997) dont les deux personnages masculins, Karl et Uwe, transposent la paire Liechti et Signer. De quoi s’agit-il, dans les actions et performances de Roman Signer? De trouer le cours du monde, comme on le verra de la façon la plus simple et fascinante dans Dégel. À la façon dont le tout jeune Jean-Luc Godard avait décrit la construction d’un barrage en Suisse dans Opération béton (1954), le film commence par suivre de façon classique et même élégiaque la beauté d’un processus naturel, la fonte des glaciers, puis son exploitation artisanale par l’homme. C’était pour mieux surprendre et frapper, au moment où Roman Signer accomplit le geste qui va provoquer un court-circuit dans le cours des choses. Son simple geste de destruction, tirer avec un revolver sur les seaux qui descendent en noria depuis les montagnes, n’empêche pas ensuite les fontaines de jaillir. Le montage assure une riche polysémie à cet effet d’interruption: poser le destructeur en origine déviante de l’énergie, à la manière d’un petit dionysos alpin; renvoyer l’action de l’artiste à son inanité quasi burlesque; affirmer quand même la rage d’une intervention solitaire face à la nature et face à la tradition. Sur unmode géopolitique, Théâtre de l’espérance remplace la fonte des glaciers par le flux audiovisuel. Signer y pratique la même opération de rupture, d’envol et d’éparpillement contre le monde administré, pour un retour à l’énergie impétueuse d’un torrent de montagne.

L’art des collisions
« Chaque succession de sons, ne serait-elle que de deux notes, soulève un problème particulier et demande une solution particulière. Mais plus lointaines sont les parentés entre sons  associés, plus recherchés sont les contrastes de son à son et de son à rythme, plus nombreuses seront les solutions au problème posé et plus complexes seront les exigences à satisfaire pour que l’idée musicale vienne convenablement au jour. » Arnold Schönberg, Problèmes d’harmonie (1934). S’immiscer dans le paysage, interrompre le cours des choses, le fendre, le faire exploser, redéclencher de l’énergie: une telle conception de l’art engage aussi bien les actions de Signer que le montage de Liechti. Fictions, documentaires, films  avecartistes (mentionnons encore Un trou dans le chapeau, 1991, avec Nam June Paik et Voice Crack, en hommage à Joseph Beuys), essais (Médecins sans frontières, 1994), l’ensemble des films de Liechti se caractérise par un trait formel structurant : le montage hétérogène. Les films ne défilent pas selon un cours uniforme : ils confrontent des régimes d’images différents, inventent des techniques mixtes, cultivent le disparate et  les chutes soudaines dans les collures : superbe saut de Roman Signer dans Vertical/Horizontal, qui  tombe littéralement dans un abîme ménagé entre figuration et abstraction comme si c’était une crevasse dans la neige, pour revenir à la fin depuis le territoire de l’abstraction elle-même. Progressivement, les films polissent avec de plus en plus de précision les nuances entre un montage bord à bord, la rareté de fondus enchaînés ultra-significatifs, et l’invasion récurrente des séquences par les textures magiques, ralenties, magnifiées, d’un Super 8 originel. Le cinéma selon Peter Liechti ne se tient que d’une entreprise de confrontation, de collision, d’hétérogénéité jusqu’à l’hétéroclite. Cultiver les dissonances, l’irruption saisissante, affirmer qu’il existe d’abord le divers, confier le secret des récits et des descriptions aux images apparemment secondaires, virus intrusifs et hautement contaminants : le cinéma explore les beautés de la déchirure, seule capable de préserver l’éclat irréductible des phénomènes, jamais ramenés à l’unité d’un point de vue, d’une technique, d’un propos.

Orages désirés
On pense souvent que le cinéma sert à raconter des fables, à décrire les activités humaines, à fallacieusement rassurer les vivants. Aujourd’hui on mesure l’importance des oeuvres qui se sont confrontées à la représentation du paysage: sans parler des opérateurs Lumière, des opérateurs Kahn, de Stan Brakhage, Jean-Marie Straub et Danièle Huillet, la dimension  cruciale des recherches d’André Sauvage, de Rudy Burckhardt, James Benning, Rose Lowder, Jem Coen, John Gianvito ou Robert Fenz s’impose de jour en jour. Le travail critique  accompli depuis  quatre décennies par Peter Liechti à partir des paysages traditionnellement identifiés à la grande santé occidentale, la Suisse alémanique, appartient à la même veine  (qu’il aura coeur à couper, certainement). À l’instar de son ancêtre magnifique, Rapt de Dimitri Kirsanov (1933, tourné avec Benjamin Fondane et Ramuz à l’autre bout de la confédération, dans le Valais), chez Peter Liechti, comme le déclare son manifeste anti-helvétique Tauwetter (1987), « il faut toujours s’attendre à un orage ».

* F. Nietzsche, Crépuscule des Idoles (1888)

 

Chronique d'un suicide
Étrange découverte: un cadavre quasi momifié, et le journal des derniers jours du mort. L'homme s'est volontairement laissé mourir de faim. Comment raconter ce suicide? Aux antipodes de la logique factuelle à la mode des «Experts», Péter Liechti a capté la lente déliquescence de l'agonie, récitation en voix off, images quasi subliminales à l appui. Une expérience terriblement tangible, qui fait honneur au 7e art.
20 minutes 24/03/2010 


Le film d’un suicide, au plus près de la vie

Par El. C.

On peut choisir de mourir, mais ne pas choisir l’instant. C’est ce que fit un Japonais en arrêtant de manger, isolé dans la nature. On retrouva son corps et le journal de sa longue agonie. Il était devenu un fait divers. Dont la lecture inspira une nouvelle à l’écrivain Shimada Masahiko. En 2005, le cinéaste saint-gallois Peter Liechti découvrit son texte, Mira ni maru made (Comment je suis devenu une momie), mis en musique par Otomo Yoshihide. La tension du récit l’habita à un tel point qu’il décida de le mettre en images. The Sound of Insects, Record of a Mummy est une invitation à vivre pleinement selon ses choix et non une incitation au suicide.

Si le film n’est pas morbide, c’est grâce à un parti pris clair: jamais on ne verra le corps du suicidant (il n’y a pas de mot pour dire le suicide au long cours). Pas de corps, mais une voix qui lit le texte de Masahiko. Dans la version anglaise (sous-titrée française) diffusée en Suisse romande, cette voix est celle du cinéaste Peter Mettler, très incarnée bien que sans aucun pathos.

C’est à travers cette voix qu’on vit cet étrange suspens autour de la vie et de la mort, qui est le lot de tous mais qu’un homme a choisi de rendre plus intense encore. Son choix donne une acuité incroyable, qui tient autant de la science que de la poésie, à son observation de la vie – la sienne, celle de son environnement forestier – telle qu’il va l’inscrire dans son journal.

Et l’on suit cet aventurier immobile. Depuis la description de son paquetage de voyageur sans retour: bougies, piles pour la radio, médicaments pour l’estomac, eau de Cologne, affaires de rasage, tout cela acheté «par instinct» au supermarché avant de quitter la ville, «just in case». Jusqu’à ce que les bougies soient brûlées, les piles usées… et le témoignage impossible.

Entre deux, on passe avec ce narrateur invisible de l’été à l’automne. Il est encore lié au monde des humains avec la radio, quelques lectures, des rêves et des souvenirs que Peter Liechti traduit par des images en noir et blanc. Aussi, on écoute avec lui les insectes, la pluie sur la bâche en plastique qui le protège un peu… On vit avec le mourant et sa chronologie devient presque la nôtre. La musique de Norbert Möslang donne aussi un rythme, une profondeur au récit.

On entend cet homme dans son souhait de finir dans la lumière du jour, on ne veut pas qu’il s’éteigne un jour qui nous est cher… Si ce film appartient au registre documentaire, c’est sans doute dans cette capacité à nous réveiller à notre réalité de vivant. Et de mortel.

Vendredi, 26 mars 2010 © 2009 Le Temps
 


Texte du catalogue Festival Visions du réel Nyon

C'est la grande figure de l'absence qui décide Peter Liechti de raconter l'histoire d'un homme d'une quarantaine d'années, réfugié au fond d'une forêt où il a décidé de se laisser littéralement mourir de faim. Pourtant, cette personne est étrangement présente au travers de son journal, retrouvé à côté de son cadavre, dont des parties sont lues hors champ. A écouter donc, la voix de Peter Mettler pour la version anglaise et d'Alexander Tschernek pour l'allemande, qui disent avec retenue les détails prosaïques, plus que philosophiques, de ce long calvaire librement consenti. Cet homme a véritablement existé au Japon où l'écrivain Shimada Masahiko s'est inspiré de son journal pour rédiger un récit, dont Peter Liechti a fait le lit de son film.

Il faut dès lors s'imaginer une symphonie de sons et d'images, qui sont mobilisés pour esquisser le quotidien de cet homme. La forêt possède les atours d'un univers en constante activité, battu par les vents, les orages, brûlé de soleil et habité de milliers d'oiseaux et d'insectes, qui composent un tableau terriblement vivant. La cabane tendue de bâches transparentes est filmée comme une maison hantée, la caméra observe, se déplace, change de points de vue, capte les états de la lumière, les mouvements infinis de la nature, dont la mémoire conserve sans doute la trace de l'homme aujourd'hui disparu. Il ne s'agit pas d'un point de vue subjectif, qui chercherait à guider le spectateur à la place de l'homme, mais bien d'une quête de la dimension métaphysique de cette histoire. Que peut le cinéma des hommes à l'endroit de ce que fut cette vie engloutie dans le cœur d'une nature foisonnante?

Il faut écouter, regarder cette forêt, qui acquiert ainsi un caractère mythologique. Et surgissent alors des bouffées d'images, des réminiscences fragmentaires, des visages, des silhouettes, des fantômes d'un autre monde, ce cheval blanc aussi, qui font signe aux naufragés de la vie. Peter Liechti est l'architecte inspiré de cet espace méditatif et halluciné que construit le film. Il veut croire avec nous que le cinéma peut être ce lien magnifique, magique, entre les vivants et les morts. (jp)

 
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«Wie goed kijkt wordt beloond»
(Jan Pieter Ekker, deVolkskrant IFFR Special 15/01/2009)
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The Sound of Insects - Record of a Mummy


Peter Liechti (Zwi, 2008, 35mm, 88'. Spectrum)
Speelfilm op basis van een roman, die op zijn beurt gebaseerd is op ware en ware gebeurtenis. Man besluit een einde aan zijn leven te maken, en wel op een tergend langzame manier: stoppen met eten. Hij houdt een journaal bij over zijn vorderingen. De beelden erbij zijn semi-abstract van aard: het tentje van de man, de zon, de regen en de insecten. Poëtisch!

Deel 7: In dit deel van onze reeks IFFR-recensies aandacht voor narratieve fragmentatie uit Engeland, Marokkaanse migrantenproblemen, hikikimori, Argentijnse mystiek, een Italiaanse bandiet en associatieve poëzie uit Zwitserland.
 

Berichten van een aangekondigde dood
The Sound of Insects: Record of a Mummy

De Zwitserse filmer Peter Liechti had dit jaar een retrospectief op het IFFR en zijn film The Sound of Insects: Record of a Mummy had er zijn première. De film is gebaseerd op een boek van de Japanse schrijver Masahiko Shimada over een man die besluit om zelfmoord te plegen door zich te verhongeren. De film bestaat uit een monoloog van de hoofdpersoon die zich in de bossen heeft afgezonderd om te sterven. Liechti's aanpak doet denken aan Péter Forgács' Own Death (vorig jaar te zien op het festival), waarin een man in voice-over spreekt over de transitie van leven naar dood. In The Sound of Insects beschrijft de hoofdpersoon nauwkeurig het proces van verhongeren en de gevolgen daarvan op zijn lichaam.

Liechti gebruikt net als Forgács associatieve beelden die een losse maar tegelijk ook poëtische relatie hebben met te woorden van de hoofdpersoon. De film is daarmee een overtuigend verslag van de ervaringen van iemand die ervoor kiest om zelfmoord te plegen, zonder dat zijn motieven duidelijk zijn. Liecthi slaagt er zo in om een beklemmend effect te creëren, waarbij je als kijker wordt meegenomen in de beleving van deze persoon die zweeft tussen wanhoop en een vage notie van verlossing.

(George Vermij, IFFR, 8 februari 2009)
 

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